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| Georg von Schnurbein Impressum Der Salzsäumer Autor Georg von Schnurbein Herausgeber Hans Schopf Vertrieb Ohetaler-Verlag, Kühbergweg 28, 94566 Riedlhütte Tel. 08553/9788870, Fax 08553/9788873 E-Mail: info@ohetaler-verlag.de Internet: www.ohetaler-verlag.de ISBN 978-3-941457-28-7 I. Teil 992/993 Šumava Die Blätter färbten sich in den schönsten Farben und der ganze Wald leuchtete in den Sonnenstrahlen. Dazwischen beruhigte das tiefe Dunkelgrün der Tannen und Fichten die Augen. Sanft und geschmeidig reihte sich eine Hügelkette an die nächste, dazwischen schlängelten sich endlose Täler. Die Gipfel der höchsten Berge waren schon mit Schnee bedeckt, der in der warmen Mittagssonne weiß schimmerte. Hinter einem Haselstrauch duckte sich ein kleiner Junge und beobachtete die Umgebung. Im Schutz der hohen Bäume wucherte eine dichte Vegetation von Sträuchern, Jungfichten und Farnen, was zum einen guten Schutz bot, jedoch die Sicht erschwerte. Vorsichtig schlich der Knabe vorwärts, dann blieb er wieder hocken und lauschte. Das nahe Knacken eines morschen Astes brachte ihn auf die richtige Fährte. Hinter einem großen Findling legte er sich auf die Lauer und wartete, bis sein Opfer näher gekommen war. „Bleib stehen, Säumer, sonst bekommst du meine Waffe zu spüren“, schallte die dünne Knabenstimme durch den Wald. Mit grimmiger Miene stellte sich der fünfjährige Junge seinem älteren Bruder in den Weg und hielt ihm sein kurzes Holzschwert entgegen. „Ich habe keine Angst vor dir“, antwortete der Ältere und zog ebenfalls ein Holzschwert aus seinem Gürtel. Mit wilden Schreien gingen die beiden Brüder aufeinander los. Dank seiner Größe und der drei Jahre Unterschied konnte Jan die Angriffe seines kleinen Bruders Karel ohne Schwierigkeiten abwehren, während er selbst nur das Nötigste tat, um den Kampf aufrecht zu erhalten. Mit einem siegessicheren Lächeln hielt er Karel auf Distanz, der immer verbissener versuchte, Jan zu treffen. Schließlich traf er ihn heftiger als gewollt am Arm, so dass Jan vor Schmerz aufschrie. „Na warte, ich werde dir zeigen, was mit einem Räuber passiert, der sich mit uns Säumern anlegt!“ Mit wilder Entschlossenheit setzte er einige gezielte Schläge, worauf Karel ängstlich zurückwich. Doch Jan ließ nicht locker, bis er Karel so fest am Bein traf, dass der laut heulend sein Schwert fallen ließ und weglief. Verärgert schlug Jan mit seinem Holzschwert einen dünnen Zweig von einem Strauch ab und trottete dann in die gleiche Richtung wie sein Bruder. Noch bevor er die Lichtung erreicht hatte, konnte er bereits die strenge Stimme seines Vaters hören. „ Jan! Jan!“ Sein Vater stand an dem kleinen Zaun neben dem Stall und stapelte Säcke neben das am Zaun angebundene Pferd. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du deinen kleinen Bruder nicht so grob behandeln sollst“, schimpft er, als sich Jan am Rand der Lichtung zeigte. „Jetzt komm her und hilf mir, damit wir heute noch nach Klatovy kommen!“ Jan steckte das Holzschwert in den Gürtel, trat einmal wütend in einen Laubhaufen und rannte den Abhang hinunter, wo etwa auf halber Höhe zum Tal das Haus stand, das er mit seinen Eltern und den zwei kleinen Geschwistern bewohnte. Es war ein einfaches Holzhaus mit einem Stroh gedeckten Dach. Direkt daneben befand sich der kleine Stall, der Platz genug für ein Schwein, drei Hühner und das Pferd bot. Das Pferd war der wichtigste Besitz der Familie, denn sein Vater brauchte es für seine Arbeit. Er transportierte als Säumer wertvolle Gewürze, aber vor allem Salz durch die Šumava von Baiern hierher nach Böhmen. Auf der anderen Seite der Šumava floss die Donau, auf der Schiffe das Salz von weither anlieferten. Sein Vater hatte Jan schon viel vom bairischen Land erzählt, so dass sich Jan schon seit Jahren wünschte, einmal mitziehen zu dürfen. Letzte Woche war es dann soweit gewesen. Der Vater hatte Jan beim Abendessen mitgeteilt, dass er noch ein letztes Mal in diesem Jahr aufbrechen würde und er dürfe ihn begleiten, da er inzwischen wohl alt genug sei. Dieser Überzeugung war Jan schon seit seinem achten Geburtstag im August gewesen. Nun war es also soweit und Jan wollte nicht gleich zu Beginn seinem Vater Ärger bereiten. Deshalb rannte er den Berg so schnell hinunter, dass er fast den kleinen Bach übersehen hätte, der oberhalb ihres Hauses vorbei floss. Mit einem großen, überhasteten Sprung gelangte er auf die andere Seite, wo er aber den Schwung nicht mehr auffangen konnte und nach einigen Stolperschritten genau vor seinem Vater auf der Nase landete. „Warum benutzt du nicht die Brücke wie jeder andere Mensch auch?“, wunderte sich sein Vater lächelnd, während er den nächsten Sack auf dem Pferderücken verstaute. Jan antwortete nicht und versteckte sein blutendes Knie unter dem grünen, aus grober Wolle gefertigten Kittel, der ihn auf der Reise vor dem eisigen Wind auf den Berghöhen schützen sollte. „Hier, verstau das auf der anderen Seite!“ Sein Vater reichte ihm einen Wollsack, der so voll war, dass die Schnur an der Öffnung gerade noch zugezogen werden konnte. „Und schnür es gut fest, damit wir unterwegs nichts verlieren“, ergänzte der Vater mit der ihm eigenen gleichzeitig warnenden wie belehrenden Stimme. Auf den kleinen Zwischenfall mit Karel ging er nicht weiter ein und Jan war ihm dafür sehr dankbar. „Jan, wo ist deine Wintermütze?“, rief die Mutter vom Haus her. Jan hasste dieses kratzende und unbequeme Utensil, das seine Mutter jedes Jahr wieder fand, obwohl er es jeden Frühling an den unmöglichsten Stellen versteckte, um es im nächsten Winter nicht mehr tragen zu müssen. „Ich weiß nicht“, log Jan und betete in Gedanken schon mal ein Vaterunser zur Buße, obwohl er eine solche Notlüge als gerechtfertigt empfand. Was sollten die anderen Säumer von ihm denken, wenn er diese Mütze trug? Als hätte sein Vater seine Gedanken gelesen, schaute er ihn böse an, um dann in ein verschwörerisches Lächeln zu wechseln. „So, alles ist verpackt.“ Sein Vater zog ein letztes Mal prüfend alle Haltestricke nach und brummte nach jedem Gurt zufrieden. „In Klatovy ziehen wir alles noch einmal nach, damit wir bis nach Deggendorf nichts verlieren“, erklärte der Vater dem Sohn, der einst die Familientradition fortsetzen sollte. Im Haus wartete die Mutter schon mit einem wunderbaren Essen. Die beiden kleinen Geschwister Karel und Eliška saßen ungeduldig auf ihren Plätzen. Jedes Mal, wenn der Vater sich wieder auf den Weg machte, kochte die Mutter zum Abschied ein wahres Festessen. Man wusste ja nie, wann es das nächste Wiedersehen geben würde. Heißhungrig setzte sich Jan auf seinen Platz. Nachdem jeder bekommen hatte, schaute die Mutter Jan streng an. „Ohne Wintermütze lasse ich dich nicht aus dem Haus.“ Jan schluckte laut. Sie hatte das Thema also noch nicht abgehakt. „Aber Mutter,...“ „Da gibt es kein Wenn und Aber; ohne die Wollmütze lasse ich dich nicht mit. Im Wald gibt es um diese Zeit schon Frost“, fiel sie ihm ins Wort. Jan rang mit sich selbst. Nur wegen der blöden Mütze hierbleiben wollte er auf keinen Fall. Er steckte sich noch einmal einen Bissen in den Mund, um Zeit zu gewinnen. Er könnte die Mütze ja mitnehmen, ohne sie aufzusetzen. Er wollte gerade seiner Mutter das Versteck hinter dem Holz für den Küchenherd nennen, als sein Vater mit ruhiger Stimme der Diskussion ein Ende setzte. „Lass ihn, Martha. Ich kaufe ihm in Klatovy eine ordentliche neue Mütze, damit dem Jungen die Ohren nicht abfrieren. Dann hat er immer eine Erinnerung an seinen ersten Saumzug.“ Jan atmete erleichtert auf, während sich seine Mutter verärgert in die Küche begab. Wieder hatte ihr Mann einen ihrer Versuche zunichte gemacht, die Kinder zu Ordnung und Sparsamkeit zu erziehen. Aber im Lauf der Jahre hatte sie akzeptiert, dass ihr Mann seine häufige Abwesenheit mit freundlichen Gesten auszugleichen versuchte. Es ärgerte sie nur, wenn es auf Kosten ihrer Autorität ging. Aber so kurz vor dem Abschied wollte sie nicht noch einen Streit anfangen. Nach dem Essen ging die ganze Familie vor das Haus. Eliška weinte wie bei jedem Abschied und Karel hielt Vater an seinem Wams fest, so als wolle er ihn davon abhalten, aufzubrechen. „Du bist jetzt hier der Mann im Haus. Halt alles schön in Ordnung und hilf deiner Mutter!“ Karel nickte stolz und begab sich hinüber zu dem hellbraunen Wallach, um auch ihm auf Wiedersehen zu sagen. „Pass gut auf dich auf und gehorche deinem Vater“, ermahnte Martha Jan und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Danach umarmte sie ihren Mann. „Lass den Jungen nicht aus den Augen und halt ihn von schlechten Einflüssen fern!“ Sie küssten sich, dann band Wenzel das Pferd los, und sie machten sich auf dem kleinen Hohlweg in Richtung Klatovy auf. Am Ende ihrer Lichtung schaute sich Jan noch einmal um. Seine Mutter stand noch immer an der Haustür und winkte ihnen nach. Jan verstand den ganzen Aufwand nicht so recht. Es war ja nur für knapp zwei Wochen, dann würden sie zurückkehren. Klatovy war die größte Stadt, die Jan je gesehen hatte. Sie war auch die einzige, denn bisher war Jan nur zu besonderen Feiertagen von zu Hause weggekommen. Deshalb war er sehr gespannt, was er in den nächsten zwei Wochen alles erleben sollte. Inzwischen hatten sie die große Straße erreicht, die nach Klatovy führte. Auf dieser Straße kamen jene Händler in die Stadt, die das Salz weiter nach Pilsen und Prag verkauften. Bald würden sie aber nicht mehr kommen können, denn im Winter wurde die Straße zu einem einzigen Morast. Schon jetzt im Oktober bildeten sich tiefe Schlammpfützen. Deswegen gingen Jan und sein Vater auch neben der eigentlichen Straße, wo ein kleiner Trampelpfad verlief. Sie überholten einige Fuhrwerke, die bereits eine Handspanne im Schlamm steckten und deren Besitzer laut fluchend die Pferde antrieben. Nach zwei Stunden erblickte Jan in der Ferne den Kirchturm von Klatovy. Es war ein massiver, gedrungener Turm, dem man trotz des spitzen Daches immer noch ansah, dass er zu Verteidigungszwecken gebaut worden war. Vater hatte erzählt, dass noch zu Großvaters Lebzeiten die Magyaren regelmäßig auf Beutezügen hierher gekommen waren. Zum Schutz hat man damals Wehrtürme gebaut. Inzwischen waren die Magyaren missioniert und sesshaft geworden. Rund um die Kirche waren die Häuser mehr oder weniger regelmäßig aneinander gereiht. Klatovy hatte einen Marktplatz, bei dem sich das Langhaus befand. Es war neben der Kirche das einzige Steinhaus der Stadt. Dort wurden wichtige Dokumente und wertvolle Gegenstände aufbewahrt, die man vor Feuersbrünsten schützen musste. Klatovy war zwar keine reiche Stadt, aber als Umschlagplatz für das Salz brauchte es sichere Speicherräume. Langsam füllte sich die Straße, und Vater grüßte den einen oder anderen. Weitere Säumer waren jetzt zu sehen, die sich wie Wenzel zum letzten Mal in diesem Jahr auf die gefährliche Reise zur Donau machen wollten. In der Stadt selbst roch es widerlich nach Kot und abgestandenem Essen. Jan verstand nicht, wieso die Menschen hier eng zusammengepfercht lebten, wo doch so viel Platz rundherum war. Im Getümmel der Straße orientierte sich Jan an der weithin sichtbaren Kappe seines Vaters, der gut einen Kopf größer war als die anderen Menschen. Sein schulterlanges, blondes Haar fiel leicht gewellt auf die breiten Schultern herab, die in einem weiten Wams aus Leder steckten. Jan war froh, als sie aus der engen Gasse auf den etwas weitläufigeren Platz in der Ortsmitte traten, wo das Gedränge nicht mehr ganz so schlimm war. An einzelnen Ständen boten Händler ihre Ware feil, riefen immer wieder neue Angebote aus oder machten ihren Kundinnen schmeichelnde Komplimente. Die Frauen stöberten mit schwer beladenen Körben von Marktstand zu Marktstand, kauften hier etwas, überprüften dort einen Stoff und waren eigentlich grundsätzlich unzufrieden, damit die Händler die Preise herabsetzten. Sie gingen auf die Gruppe zu, die jetzt auf sie aufmerksam geworden war und zu ihnen herüber schaute. Ein alter, kleiner Mann mit schlohweißem Haar trat aus der Gruppe hervor. Er ging lachend auf sie zu. „Wenzel, mein Junge, schön dich zu sehen“, rief er schon aus einiger Entfernung, als sie noch einige Meter entfernt waren. „Grüß dich, altes Wrack“, scherzte Jans Vater zurück und schlug dem alten Mann auf die Schulter. Jetzt erst sah Jan, wie klein er wirklich war. Er selbst war vielleicht nur einen Kopf kleiner als dieser Mann. Der Alte hatte ihn jetzt auch bemerkt und musterte ihn sorgfältig. „Hast deinen Nachwuchs mitgebracht, he? Wie heißt du denn?“ „Jan.“ „Ich bin starý Karel und anscheinend werden wir uns in der nächsten Zeit näher kennen lernen!“ „Ja“, gab Jan leise von sich, immer noch sehr schüchtern, aber der alte Karel hatte sich schon längst wieder seinem Vater zugewandt. Jan folgte den beiden in gewissem Abstand. „Findest du es nicht ein bisschen leichtsinnig, den Jungen um diese Jahreszeit mitzunehmen?“, fragte Karel seinen Vater. „Er kann nicht ewig zu Hause sitzen und spielen. Er muss langsam lernen, dass es mehr als das gibt. Außerdem ist er im Sommer acht geworden. Es ist Zeit“, erwiderte Wenzel. „Aber er ist doch noch ein Kind. Willst du nicht bis zum Frühling warten, wenn es nicht mehr so gefährlich ist“, Karel schien sich Sorgen zu machen. „Nein“, Wenzel sagte das so betont, dass Karel keine Widerworte mehr hatte. Sie waren bei der Gruppe der anderen angekommen und Wenzel wurde freudig begrüßt. Jan hielt sich im Hintergrund auf und erst als ihn sein Vater vorgestellt hatte, ging er artig auf jeden zu und gab ihm die Hand. Die Männer lachten laut auf angesichts dieser höflichen Art und einer klopfte Jan freundlich auf die Schulter. „Du benimmst dich ja schon wie ein großer Kaufmann. Aber wir werden dir schon einen echten Säumer aus dir machen“, sagte er freundlich und nickte Wenzel vielsagend zu. Dieser schmunzelte nur und schaute Jan liebevoll an. Er war stolz auf seinen Sohn, der jetzt in den Kreis der Säumer aufgenommen werden würde. Nachdem die letzten Neuigkeiten ausgetauscht worden waren, betraten sie zusammen das Steinhaus. Innen war es sehr dunkel und Jans Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, um überhaupt etwas zu erkennen. Langsam zeichnete sich ein großer, hoher Raum ab, in dem auf der einen Längsseite lauter Säcke aufgestapelt waren und auf der anderen zwei Türen in andere Räume führten. Karel und Wenzel gingen auf die linke Tür zu und klopften. Von innen war ein dumpfes Brummen zu hören, worauf die beiden eintraten. Jan wartete mit den anderen in der Halle, die es sich bereits auf den Säcken gemütlich gemacht hatten. Er sah staunend zur Decke. Überall stapelten sich Säcke und Fässer. „Eine wahre Schatzkammer“, bemerkte eine raue Stimme hinter ihm. Jan schrak zusammen und blickte sich um. Links neben ihm hatte sich ein großer breitschultriger Mann niedergelassen. Er schaute Jan freundlich an. „Was?“, fragte Jan immer noch erschrocken. „Ich sagte, eine wahre Schatzkammer“, antwortete der Mann geduldig. „Mm“, stimmte Jan zu und blickte wieder zur Decke. „Ich bin Vladimir, aber nenn mich Vladja, wie alle anderen auch.“ Jan schaute den Mann jetzt genauer an. Er hatte kurz gelocktes, dunkelbraunes Haar und einen dicken Vollbart, der weit über das Kinn reichte. Vladja streckte ihm die Hand hin und Jans Hand verschwand völlig darin. „Ich bin Jan.“ „Na, das weiß doch schon jeder. Du hast dich vorhin so brav vorgestellt, das vergisst keiner von uns so schnell. Als ich das erste Mal mitgegangen bin zur Donau, war ich ungefähr so alt wie du und ich hatte damals ziemlich Angst vor den Bergen. Bei uns im Dorf lebte ein alter Mann, der hat uns Kindern immer Geschichten erzählt, dass in der Šumava böse Menschen und Tiere leben. In der Mitte sei die Hölle, da wohne der Teufel persönlich.“ „Ich habe keine Angst.“ Jan versuchte das mit bester Überzeugung zu sagen, aber Vladja schmunzelte nur. „Brauchst du auch nicht, denn du bist mit den besten Säumern unterwegs, die du finden kannst. Karel und dein Vater haben in diesem Jahr die besten Gewinne von allen auf dem Böhmweg gemacht. Keine Gruppe hat so viel Salz durch die Šumava gebracht wie wir!“ Vladja sagte das mit einer gehörigen Portion Stolz. „Was macht ein guter Säumer besser?“ „Gute Frage, Jan. Ein guter Säumer weiß, wann er losziehen muss, um heil durch die Šumava zu kommen. Er versteht es, zu verhandeln, um den Händlern noch so manches Silberstück aus dem Geldsack zu ziehen. Das ist das Wichtigste.“ Vladja hatte sich noch nie darüber Gedanken gemacht und dachte noch über die Frage nach, als Jan schon die nächste Frage hatte. „Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um loszuziehen“, fragte er und versuchte es möglichst beiläufig klingen zu lassen. „Du stellst Fragen! Für einen guten Säumer ist es nie zu spät. Aber natürlich ist es zu dieser Jahreszeit schon nicht so einfach wie zum Beispiel im Sommer. Es kann jetzt jeden Tag der Schnee kommen und das mögen die Pferde nicht. Da hat schon mancher Säumer sein Pferd zurück gelassen, nur um sein eigenes Leben zu retten.“ Jan starrte wieder an die Decke. Vorerst war sein Wissensdurst gestillt. Er mochte Vladja, aber das was er gesagt hatte, hatte ihm Angst gemacht. In diesem Augenblick traten Wenzel und Karel mit zufriedenen Mienen aus dem Zimmer heraus. „Es sieht gut aus. Wenn wir eine ordentliche Ladung Salz und Gewürze hierher schaffen, dann können wir diesen Winter als reiche Männer leben. Also, der Haufen da drüben muss auf die Pferde“, sagte Wenzel und deutete auf einen Haufen Felle von Bären, Wölfen und anderen Waldtieren. Daneben waren Eichenholzfässer von der Größe eines Wasserkübels und Säcke aus Leinen aufgestapelt. „Verteilt die schweren Metfässer gleichmäßig auf die Pferde und schützt sie mit den Fellen. Auf dass wir unterwegs nichts verlieren“, befahl Karel, während er selbst zu dem Haufen hinüberging, eines der Fässer aufhob und aus dem Haus trug. Die anderen folgten seinem Beispiel und machten sich daran, ihre Pferde zu bepacken. Jan half seinem Vater, noch ein paar Felle aufzuschnallen. Anschließend half Jan auch Vladja, sein Pferd zu beladen. Es war ein falber Wallach, klein und gedrungen, wie alle Waldpferde. Dadurch waren sie in dem dichten Wald und den steilen Hängen in der Šumava beweglicher und leichter zu führen. Nach einer Stunde waren alle Pferde bepackt. Es war jetzt Mittag. Nachdem sie alle im Gasthaus „Zum Torfgrund“, das sich gegenüber auf der anderen Seite des Platzes befand, gegessen hatten, nahm Wenzel seinen Sohn mit zum Hutmacher. Jan war begeistert von den verschiedenen Formen und hätte am liebsten einen breitkrempigen Hut wie ihn die Männer in der Stadt trugen genommen, aber sein Vater empfahl ihm eine der typischen Säumermützen. Diese hatten eine kleine geschwungene Krempe, in der sich das Regenwasser sammeln konnte und liefen nach vorne spitz zu, um das Gesicht bei schlechtem Wetter zu schützen. Jans Mütze war ein bisschen zu klein, aber sein Vater erklärte ihm, dass das sehr sinnvoll sei, weil sich das Leder zum einem noch weitete und ihm so die Mütze im Dickicht nicht so leicht verloren ging. Jan war sehr zufrieden und voller Stolz präsentierte er den anderen Säumern seine neue Mütze. „Sagen Sie mal, junger Mann, wie oft haben Sie denn die Šumava schon durchkreuzt? Ihr seht wie ein erfahrener Säumer aus“ scherzte Karel und die anderen lachten laut, als Jan, so geschmeichelt, vor Verlegenheit leicht rot wurde. „So, jetzt müssen wir aber los, sonst schaffen wir es nicht, bis heute Abend die Ausläufer der Šumava zu erreichen“, mahnte Wenzel, band Minze los und verließ den Platz in Richtung südliches Tor. Die anderen folgten ihm, und so setzte sich die kleine Gruppe aus zwölf Mann und elf Pferden in Bewegung, um noch ein letztes Mal in diesem Jahr den gefährlichen Weg durch die Šumava zu bestreiten. Ihr Ziel am heutigen Tag war der kleine Weiler Nýrsko, der von einem alten Säumer gerodet worden war und jetzt als letzte Anlaufstelle vor den Bergen für Säumer diente, die in die Šumava wollten. Als sie schon eine Weile unterwegs waren, blickte sich Jan noch einmal um und betrachtete sich die Stadt aus der Entfernung. Bisher war es seine Grenze gewesen; jetzt würde er zum ersten Mal eine größere Reise machen. Er atmete einmal tief durch und meinte, den Duft der Ferne riechen zu können. *** Der kalte Herbstwind blies durch das Tal, das sie gerade durchschritten. Jan führte Wenzels Pferd am Halfter und trottete hinter Vladja her. Sie hatten bald nach dem Abmarsch aus Klatovy Freundschaft geschlossen und Jan stellte laufend neue Fragen, die Vladja geduldig beantwortete. Im Augenblick war Jan jedoch nicht nach Fragen zu Mute, denn er fror fürchterlich. Er wünschte sich sogar seine alte hässliche Wintermütze zurück, denn die war wenigstens ein bisschen wärmer als die lederne Säumerkappe, die dafür pflegeleichter und im Unterholz angenehmer zu tragen war. Jan hatte schon Gelegenheit genug gehabt, diesen Vorteil der Säumerkappe zu erkennen, denn kurz nach ihrem Aufbruch aus Nýrsko waren sie in die Wälder der Šumava eingedrungen. Weite, lichte Buchenhaine und Mischwälder wechselten in dichte, fast undurchdringliche Nadelwälder über. Jan hatte bemerkt, dass die Häufigkeit der Nadelbäume zunahm, je höher sie in die Berge stiegen. Gestern Abend hatten sie schließlich das Tal erreicht, in dem sie sich jetzt befanden. Sie hatten gerade noch genug Zeit gehabt, um vor dem Einbruch der Dunkelheit ihr Lager zu errichten. In der Nacht wurden Wachen zum Schutz vor wilden Tieren und auch Räubern aufgestellt. Jan hatte anfangs wegen der Räuber Angst gehabt, aber sein Vater hatte ihn beruhigt und erklärt, dass diese Gefahr nur in den Randgebieten der Wälder und nur im Sommer bestünde. Jan schüttelte sich vor Kälte, zog einmal kurz am Führstrick, um das Pferd aufzumuntern und räusperte sich dann ungeschickt. Vladja drehte sich erwartungsvoll um. „Du Vladja,“ begann Jan, „ wie heißt eigentlich der Fluss, dem wir gerade folgen?“ „Das ist der Reganus, der mündet irgendwo in die Donau“, antwortete Vladja sofort, als hätte er auf diese Frage nur gewartet. „Das weißt du doch gar nicht, oder hast du es schon gesehen“, rief einer der anderen von vorne. „Du hast auch noch nicht das Gegenteil gesehen, oder“, gab Vladja schlagfertig zurück und wandte sich dann wieder dem Jungen zu, „wenn Gott uns beisteht, und wir gut vorankommen, dann sind wir heute Abend am Fuß des Arbers, einem der höchsten Berge der Šumava.“ „Arber, das ist aber ein komischer Name für einen Berg“, lachte Jan und wäre dabei fast über eine herausragende Wurzel gestolpert. „Das ist der bajuwarische Name dieses Berges im Nordwald.“ „Wieso Nordwald? Ist das ein anderes Gebirge als die Šumava, oder warum hat es einen anderen Namen?“ „Nein, die Bajuwaren auf der anderen Seite nennen das, was bei uns die Šumava ist, Nordwald. Umgekehrt nennen wir den Berg dort Javor.“ „Aber der liegt doch gar nicht im Norden!“ protestierte Jan, denn er hatte in den letzten Tagen von seinem Vater die Himmelsrichtungen gelernt und wusste daher, dass die Šumava in Richtung der Mittagssonne gen Süden zu lag. „Für uns nicht, aber von der anderen Seite aus liegt der Wald im Norden.“ „Aber der dreht sich doch nicht! Ich verstehe das nicht“, seufzte Jan traurig. „Verwirre den armen Kerl doch nicht so, Vladimir! Er wird alles noch früh genug lernen“, erklang jetzt die Stimme von Karel, der hinter Jan marschierte. Jan hatte die Zweifel nicht vergessen, die Karel seinem Vater gegenüber geäußert hatte. Deshalb war es ihm ganz recht, dass sich Karel darum bemühte, es ihm so einfach wie möglich zu machen. Außerdem hatte Karel ein scharfes Auge darauf, dass keiner der anderen ihm dummes Zeug oder erfundene Sachen erzählte. Gegen Mittag erreichte der Händlertross eine Bachmündung. Der Bach führte klares Bergwasser und hatte sich über Jahrtausende hinweg seinen Weg durch den harten Stein gesucht. Neben der kleinen Schlucht ragte ein Fels empor, dessen Spitze nur von der Bergseite her zu erreichen war. Diesen steuerte Wenzel an. Jan tat es den anderen gleich und band das Pferd an einem Baum unterhalb des Felsens fest. Dann lief er seinem Vater nach, der inzwischen schon auf dem Felsvorsprung war. Oben angekommen erkannte Jan, was für ein praktischer Lagerplatz das war. Das Plateau war ungefähr achtzehn Fuß breit, fünfundzwanzig Fuß lang und eine große Buche etwas oberhalb gab Schutz gegen die Witterung. Die Nachtwache musste so nur die Hangseite im Auge behalten, da die drei anderen Seiten steil hinabfielen. Der Platz war wohl vielen bekannt, denn in der Mitte hatte sich eine Feuerstelle in den Boden gefressen und rundherum war das Gras platt getreten. Jan folgte seinem Vater zum Ende der Platte. Von dort hatte man einen wunderbaren Blick auf den weiteren Verlauf des Flusses, bis er sich schließlich mit einer scharfen Linkskurve verabschiedete. Rauschend tanzte das Wasser um die vielen Steine, die im Flussbett lagen. Vom Ufer ragten die Weiden weit über das Wasser, und die Kronen berührten sich an manchen Stellen. „Das ist schön“, sagte Jan entzückt. „Ja, das ist es“, bestätigte sein Vater, um dann gleich hinzuzufügen, „und so bleibt es hoffentlich bis zur Donau.“ „Wie meinst du das?“ „Gestern Nacht war es doch sehr kalt, nicht wahr...“ Jan nickte zustimmend. „Der Wind hat gedreht. Er kommt jetzt von Böhmen her. Zu dieser Jahreszeit bedeutet Ostwind, dass es kälter wird. Womöglich kann es auch Schnee geben“, erklärte Wenzel und runzelte die Stirn. Jan schaute ihn sorgenvoll an. „Kommen wir nicht bis nach Deggendorf, Vater?“ Wenzel wusste, dass sein Sohn ihn nur dann mit Vater ansprach, wenn er Angst hatte und ihm fiel auf, dass er den Jungen von Problemen erzählt hatte, die ihn nur beunruhigten. Deshalb wechselte er schnell das Thema. „Nein, wie kommst du denn darauf? Wir kommen genauso zur Donau, wie dieser kleine Bach hier auch. Weißt du, wo das Wasser herkommt?“ „Nein“, schüttelte Jan den Kopf. „Es fließt ganz oben aus einem See unterhalb des Arbers ab und bahnt sich seinen Weg bis hierher ins Tal. Ich war erst einmal dort oben. Wenn wir im Frühjahr wieder unterwegs sind, dann führe ich dich einmal hinauf. Dort oben ist das Dach der Šumava. Du kannst den ganzen Wald überblicken bis hin zu großen weißen Bergen, die weit hinter dem Donautal liegen.“ Gedankenverloren blickte Jan Richtung Süden. Irgendwo hinter diesen waldbewachsenen Hängen floss die Donau. Er sog die kalte Luft ein und schloss die Augen. Vladja riss ihn aus seinen Tagträumereien. „He, kleiner Mann, hilf mir mal, ein Dach aufzustellen“, rief er ihm vom anderen Ende des Felsplateaus zu. Jan wagte noch einen abschließenden Blick in die Ferne, wandte sich um und machte sich daran, lange feste Stangen aus kleineren Bäumen zu fertigen. Oft fand man in der Nähe solcher Lagerplätze wie diesem fertige Stangen von früheren Benutzern und so war Jan bald mit seiner Arbeit fertig. Jeder der zwölf Männer hatte eine feste Aufgabe, wenn sie Rast machten. Neben Auch jetzt machten sich die beiden Anführer wieder auf den Weg, um in der Dämmerung noch ein Wild zu erlegen, während die anderen die Nachtwache unter sich aufteilten. Jan wurde stets mit eingeteilt. Meistens wachte er zusammen mit Vladja, doch manchmal teilte er sich die Nachtwache auch mit seinem Vater. Dies waren immer ganz besondere Stunden, denn dann hatte Jan seinen Vater ganz für sich allein und konnte ihm alle möglichen Fragen stellen. Am Abend fragte Jan seinen Vater, nachdem die anderen am Lagerfeuer gruselige Märchen über die Šumava erzählt hatten: „Warum erzählen die Menschen sich solch grausame Geschichten?“ „Weißt du...“, Wenzel machte eine Pause, um die richtigen Worte zu finden, „...damit erklären sie Dinge, die sie nicht verstehen. Wenn ein Blitz in ein Haus einschlägt, dann sagen sie, das ist der Teufel, weil sie keine andere Antwort haben.“ „Sagst du das auch?“ „Nein, aber ich kann es mir auch nicht erklären. Du musst akzeptieren, dass es Dinge gibt, die wir Menschen nicht verstehen können, weil unser Verstand dafür nicht ausreicht.“ „Vater, liegt die Hölle wirklich in der Šumava?“ Wenzel schmunzelte. „Natürlich nicht, oder meinst du, dass die Hölle so schön ist wie hier? Wer das behauptet, der war noch nie hier. Das ist nur die Angst, die die Menschen vor dem Unbekannten haben. Ich denke, dass es die Hölle nicht hier gibt, sondern ganz weit weg. So weit weg, dass wir uns diese Entfernung gar nicht vorstellen können.“ Dann lachte er und fügte hinzu: „Die, die dort hinkommen, brauchen dazu ein ganzes Leben!“ Da musste Jan auch lachen und er war beruhigt, dass er von der Hölle so weit weg war. Durch die abendlichen Gespräche waren sich Vater und Sohn sehr nahe gekommen. Für Jan war es inzwischen unvorstellbar, nicht in der Nähe seines Vaters zu sein. Jedes Mal, wenn Karel und Wenzel auf der Jagd waren, merkte Jan, wie sehr ihn die Abwesenheit seines Vaters berührte. Am nächsten Tag verbesserte sich die Stimmung in der Gruppe zusehends. Ein Grund war, dass das Wetter gewechselt hatte und der Wind jetzt wieder aus Westen kam, was aber häufigeren Regen bedeutete. Sie hatten die erste große Bergkette hinter sich gelassen, das Tal des Reganus war inzwischen zu einer breiten Talsohle geworden, die nur durch leicht geschwungene Hügel durchzogen wurde. Auch der Pfad, dem sie die ganze Zeit folgten, wurde breiter und ausgetretener, sodass Vladja und Jan die Pferde nebeneinander führen konnten. Am späten Nachmittag des dritten Tages ihrer Reise erreichten sie eine weitläufige Anhöhe oberhalb des Flusses. Wie jeden Tag machten sich sofort alle an die ihnen zugewiesenen Aufgaben. Jan war gerade wieder im Wald unterwegs, um Stangen für das Gerüst zu suchen, als unerwartet sein Vater vor ihm auftauchte. „Jan, du darfst heute mit uns auf die Jagd gehen. Sonst machst du sowieso nur wieder Dummheiten mit Vladja. Ich habe Vladja schon Bescheid gesagt, dass er das Nachtlager alleine aufbauen muss.“ Jans Augen leuchteten. Er jauchzte, rammte die Stange, die er gerade bearbeitet hatte in den Boden, steckte sein Messer in die Scheide am Gürtel und sprang seinem Vater hinterher. Sie durchstöberten den Wald nach Fährten. Jan folgte seinem Vater in einigem Abstand, während sich Karel etwa zwanzig Schritt seitwärts einen Weg durch das Unterholz bahnte. Sie waren schon seit einer Stunde unterwegs, hatten aber bisher noch keine Spuren gefunden, die frisch genug waren. Jan spürte, wie er innerlich angespannt war. Zuhause hatte er oft mit einem selbstgemachten Bogen kleine Vögel gejagt und jedes Mal ein unbeschreibliches Triumphgefühl empfunden, wenn er getroffen hatte. Seltsamerweise hatte er seine Tat immer bereut, sobald er dann den toten Vogel in der Hand hielt. Ein Ast, der ihm ins Gesicht schnellte, holte ihn wieder zurück in die Realität. Jan unterdrückte einen Schmerzensschrei, als sein Vater schlagartig stehen blieb und sich hinter einem Findling duckte. Karel folgte seinem Beispiel und auch Jan machte sich hinter einer Eberesche klein. Mit einem Handzeichen bedeutete ihm sein Vater, zu ihm zu kommen. Auf allen Vieren, sorgfältig die kleinen Äste aus dem Weg räumend, erreichte er seinen Vater. Langsam richtete er sich auf. Als er über den Steinrand blickte, glaubte er einen kapitalen Hirschen zu sehen. Aber nach genauerem Betrachten traute er seinen Augen kaum. Das Tier, das dort auf der Lichtung graste war kein Hirsch, sondern ein schwarzes Säumerpferd. Um seinen Hals war ein Strick gebunden, der am anderen Ende ausgefranst war. „Das Pferd muss seinem Besitzer entwischt sein“, raunte Karel, der inzwischen auch zu ihnen gekrochen war. „Könnte sein, aber siehst du die roten Striemen um den Hals“, erwiderte Wenzel, „das hat ziemlich gekämpft, um sich zu befreien. Jeder Säumer, der etwas von Pferden versteht, würde das nicht zulassen!“ „Da hast du recht. Wollen wir mal sehen, ob es bei uns gefügiger ist“, fragte Karel, in seinen Augen funkelte der Jagdtrieb. „Einverstanden. Versuch auf die andere Seite zu kommen. Aber pass auf den Wind auf, damit das Pferd dich nicht zu früh bemerkt!“ Karel nickte und machte sich auf den Weg. Wenzel wandte sich an Jan, während er den Bogen zur Seite legte. „Du musst jetzt ganz ruhig sein. Karel und ich werden versuchen, das Pferd zu fangen. Bleib immer hier hinter dem Stein und pass auf den Bogen auf, damit dir nichts passiert“, flüsterte Wenzel, schlich nun noch näher an den Lichtungsrand heran, wobei er immer wieder auf die Gegenseite hinüber spähte. Nach wenigen Minuten bewegte sich dort ein Ast kaum merklich und wie auf ein Zeichen traten Wenzel und Karel auf die Lichtung heraus. Das Pferd hob den Kopf und spitzte die Ohren. Der warme Atem dampfte aus seinen Nüstern und bei jedem Schritt, den die beiden Männer näher kamen, neigte es den Kopf misstrauisch niedriger. Wenzel streckte vorsichtig die Hand aus und redete behutsam auf das Pferd ein. Langsam griff er nach dem abgerissenen Strick, aber im letzten Augenblick warf das Pferd den Kopf nach hinten und schnaubte ängstlich. Wenzel ging wieder einen Schritt zurück, ohne dabei sein besänftigendes Reden einzustellen. Nach ein paar Minuten – Jan waren sie wie eine Ewigkeit vorgekommen – wagte er einen zweiten Versuch. Er blickte dem Pferd direkt in die Augen, streckte noch einmal die Hand aus. Diesmal griff er nicht nach dem Strick, sondern streichelte das Pferd vorsichtig am Hals, fuhr ihm durch die zerzauste Mähne, was dem Pferd besonders zu gefallen schien. Karel, der sich inzwischen zurückgezogen hatte und zu Jan gekommen war, starrte verträumt auf die Lichtung. „Die anderen werden Augen machen“, flüsterte er Jan zu. Jan nickte zustimmend und schüttelte sich leicht. Vor lauter Aufregung hatte er nicht bemerkt, wie sich der Tag langsam dem Ende geneigt hatte und es nun deutlich kälter war. Er blickte wieder hinüber zur Lichtung. Wenzel nahm den alten Strick in die Hand und nun ließ das Pferd es geduldig zu und folgte seinem neuen Herrn in Richtung der zwei anderen Säumer. Sie machten sich in ausgelassener Stimmung auf den Rückweg. Als sie fast am Rastplatz angekommen waren, lief Jan voraus und kündigte den außergewöhnlichen Fang an. Mit großen Jubel wurden die beiden stolzen Jäger empfangen und jeder machte sich daran, das Pferd fachmännisch zu begutachten. „Das Pferd hat noch nicht viele Jahre auf seinem Buckel“, schloss Vladja, nachdem er das Gebiss eingehend betrachtet hatte, „der Gaul ist vielleicht zwei oder drei Jahre alt.“ „Es ist fast schon ein bisschen groß für den Wald“, warf ein anderer ein. Es war wirklich gut eine halbe Elle größer als die anderen Pferde. „Was meint ihr, wie ist es hier in den Wald gekommen?“, fragte Jan ungehemmt, doch an der Reaktion der Anderen bemerkte er schnell, dass er wieder einmal zu vorlaut gewesen war. Die restliche Konversation war augenblicklich verstummt und alle schauten Jan schweigend an. Der wurde dadurch völlig unsicher und blickte Hilfe suchend zu seinem Vater. Wie schon so manches andere Mal, atmete Wenzel einmal tief ein und bedeutete seinem Sohn, ihm zu folgen. „Komm, wir wollen das Pferd zu den anderen bringen. Inzwischen erkläre ich dir alles.“ Sie brachten das Pferd zu den anderen Tieren, die den Neuankömmling vorsichtig beäugten. Dann schlenderten sie nebeneinander die Lichtung abwärts Richtung Fluss. „Was wird jetzt aus dem Pferd?“, fragte Jan nach einer Weile. „Hm, wir werden es wohl bis zur Donau mitnehmen und dann sehen wir weiter.“ Jan schwieg dazu. Insgeheim hatte er gehofft, dass ihm sein Vater das Pferd schenken würde, da alle anderen in der Gruppe schon ein Pferd besaßen. Wortlos bahnten sie sich ihren Weg durch das hohe Gras. „Dir sind sicher die Striemen am Hals des Tieres aufgefallen“, unterbrach Wenzel das Schweigen. Jan nickte. „War der Besitzer böse zu dem Pferd?“ „Nein, das denke ich nicht. Es ist vielmehr so, dass...“ „...es ausgerissen ist“, ergänzte Jan voreilig, als sein Vater eine Gedankenpause eingelegt hatte. „Vielleicht hast Du recht, aber die anderen und ich auch denken eher, dass sein alter Besitzer auch ein Säumer war. Er war so wie wir unterwegs und ist in Schwierigkeiten geraten.“ „Was für Schwierigkeiten?“ „Weißt du, die Šumava steckt voller Gefahren. Dass mir und den anderen bisher noch nichts passiert ist, ist einfach nur Glück oder vielleicht die Gnade des himmlischen Gottes. Hier im Wald musst du immer darauf gefasst sein, dass etwas Unvorhersehbares passiert. Karel wollte einmal einen kürzeren Weg suchen. Dabei ist er in eine Moorlandschaft geraten und beinahe versunken, wenn nicht sein Pferd die Gefahr gespürt und sich gesträubt hätte. Deshalb hat er immer noch den alten Gaul; aus Anhänglichkeit und Aberglauben.“ „Willst du damit sagen, dass der andere Säumer jetzt tot ist?“ Jan hasste es, wenn sein Vater versuchte, mit alten Geschichten vom Thema abzulenken. „Es ist durchaus möglich. Er könnte in eine Schlucht gestürzt sein oder ein wildes Tier hat ihn angegriffen. Zu dieser Jahreszeit finden die Bären und Wölfe nicht mehr soviel Fressen und greifen schon mal einen Menschen an. Oder er ist krank geworden und hat keine Hilfe gefunden. Weil solche Sachen immer passieren und nur Gott das bestimmen kann, geht man immer in Gruppen, damit der eine dem anderen helfen kann. Merke dir das! Versuche nie, alleine die Šumava zu bezwingen. Sie wird sich an dir rächen, wenn du ihr nicht genügend Respekt entgegen bringst.“ Jan nickte zustimmend. Diese Antwort stimmte ihn nachdenklich. Bis jetzt hatte er immer geglaubt, sein Vater hätte keine Angst vor dem Gebirge und sei ein furchtloser Mensch. Und jetzt musste er feststellen, dass genau das Gegenteil der Fall war. Sein Vater hatte eine große Ehrfurcht vor den Bergen und dem Wald. Er wusste von den Gefahren, zollte ihnen Respekt und achtete die Gesetze der Natur. Deshalb war ihm noch kein Unheil zugestoßen. Jan verstand, dass es viel schwieriger war, die Gefahr zu kennen und zu überwinden, als überhaupt keine Furcht zu haben. Als sie am nächsten Tag aufwachten, wehte ein kalter Ostwind. Jan fröstelte, als er unter dem provisorischen Dach hervor kroch. Die anderen wärmten sich schon ihre müden Glieder am Feuer, das mit der Glut des Vorabends entzündet worden war. Jan gesellte sich zu der wortkargen Runde und schaute verschlafen ins Feuer. „Was steht ihr hier so nutzlos herum?“ Vom Waldrand ertönte Wenzels tiefe Stimme. Er klang verärgert und unzufrieden. Das lag aber weniger an der Untätigkeit der Männer, als vielmehr an dem unerwarteten Wetterumschwung. Irgendeinem entfuhr leise ein Fluch, als sie sich trennten, um ihren Aufgaben nachzugehen. Ab und zu warf Jan einen Blick zu seinem Vater, der zusammen mit Karel etwas abseits auf der Lichtung stand, immer wieder den Himmel betrachtend. Von Osten her zog eine graue Wolkenwand auf, die sich rasch näherte. Seit sie aufgestanden waren, hatte der kalte Ostwind an Stärke zugenommen und jeder der Säumer hatte sich seinen Mantel bis zum Hals zugeschnürt und die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Es wurde kein Wort gesprochen; jeder war gereizt. Bevor sie aufbrachen, wurde als letztes das Feuer gelöscht und die Feuerstelle mit Steinen abgedeckt. Dadurch war sie vor zu starker Feuchtigkeit geschützt und konnte immer wieder schnell benutzt werden. Dann gab Wenzel den Befehl zum Aufbruch. Wortlos trat die Gruppe ihren Weg an. Um die Mittagsstunde hatte die Wolkenfront sie endgültig eingeholt und es fing an, feine Flocken zu schneien. Noch nie war Jan so betrübt gewesen, wenn der erste Schnee fiel. Zu Hause hatte er immer alles stehen und liegen gelassen, um im Schneefall zu tanzen, die Flocken mit dem Mund aufzufangen und minutenlang einfach nur dem beschaulichen Treiben zuzusehen. Jetzt aber schnürte ihm der Wintereinbruch den Atem ab und er blickte beängstigt zum Horizont, um festzustellen, ob das nur ein vorübergehender Schauer war. Aber wohin er sich auch wandte war der Himmel tiefgrau und Wolken verhangen. Er griff den Führstrick kürzer, um sich an dem dampfenden Pferdekörper zu wärmen. Der Schneesturm nahm am Nachmittag noch zu und verwandelte sich in eine undurchsichtige Flockenwand. Jan achtete genau auf Vladjas Schritte vor ihm, um nicht abzurutschen oder über einen quer liegenden Baum zu stürzen. Auch die Pferde scheuten die Arbeit bei diesem Wetter. Besonders das gefundene Pferd gehorchte den ständigen Aufmunterungen Wenzels nur widerwillig und störrisch, weshalb der Treck des Öfteren zum Stehen kam. Nach einem weiteren Halt zog Karel sein Pferd an die Spitze und setzte sich vor Wenzel, denn das alte Tier war derartiges Wetter gewöhnt und trottete friedlich seinem Herrn nach. Das Findelpferd folgte nun ohne weitere Proteste dem anderen Tier. Am Abend rasteten sie auf einer Anhöhe, wo vor ein paar Jahren die meisten Bäume unter der schweren Schneelast umgefallen waren. Auch hier hatten die verschiedenen Säumergruppen aufgeräumt und so eine brauchbare Lagerstätte geschaffen. Vier ineinander gefallene Bäume bildeten einen Pferch für die Pferde. Auch war schon ein Unterschlupf vorhanden, der nur noch mit einer neuen Schicht Zweige und Moos wasserdicht gemacht werden musste. Die Nacht war furchtbar kalt und Jan rollte sich dicht an seinen Vater heran. Morgens bahnten sie sich zuerst einen Weg durch den Schnee, denn es hatte die ganze Nacht durch geschneit und es war kein Ende abzusehen. Vier Ellen hoch hatte sich der Schnee über Nacht aufgetürmt. Karel schaute zum Himmel. „Da werden wir heute nicht weit kommen, Wenzel!“ „Das sehe ich auch so, aber zumindest bis zur Quelle müssen wir kommen!“ „Unter normalen Umständen ist das ein halber Tagesmarsch! Aber bei so viel Schnee sind die Pferde auf der Hälfte der Strecke tot!“ „Jetzt habe dich doch nicht so,...“ Wenzel unterbrach sich, als er bemerkte, dass Jan zuhörte und zog Karel ein wenig auf die Seite. Jan wandte sich ab und begab sich zu den anderen, die inzwischen ein Feuer angezündet hatten, um in einem Topf Schnee zu schmelzen, damit sie etwas Warmes zu trinken hatten. Zwischen Wenzel und Karel entfachte eine hitzige Diskussion, jedoch konnte man kein Wort verstehen. Auch am Feuer begann man nun zu diskutieren. „Die wollen ja wohl bei diesen Schneemassen nicht weiterziehen!“ „Sicher nicht. Es war eben doch zu riskant, um diese Zeit noch einmal loszuziehen.“ „Ach was! Außerdem können wir das jetzt auch nicht mehr rückgängig machen. Wieso habt ihr eigentlich so Angst vor dem Weiterziehen?“ „Welches Pferd soll sich hier einen Weg bahnen, ohne dabei zu sterben?“ „Wir wechseln ab. Jeder geht mit seinem Pferd eine Zeitlang voran und dann wird er von einem anderen abgelöst. Auf diese Weise kommen wir gut vorwärts.“ „Warst du schon einmal bei solch einem Wetter draußen?“, mischte sich jetzt ein älterer Säumer ein, der Miroslav genannt wurde und bisher seelenruhig dabeigesessen hatte. „Nein, ich war aber mal im Winter auf einer Jagd bei Nýrsko, und da haben wir das so gemacht“, entgegnete der junge Mann. „Jungchen, hier ist das aber was anderes. Wir haben noch eineinhalb Tagesmärsche vor uns und das meiste davon geht steil bergab. Auf die Art und Weise, wie du es machen willst, brauchen wir dafür eine Ewigkeit.“ „Wie denkst du es dir denn?“ „Ich denke nicht, ich fühle. Mein Gefühl sagt mir, dass wir alle jämmerlich verrecken werden“, dabei grinste er hämisch, so dass Jan unwillkürlich zusammenzuckte, als sich ihre Blicke trafen. „Hör auf, solchen Quatsch zu reden, Miroslav! Sonst kannst du gleich bei lebendigen Leibe hier begraben werden, wenn du schon sterben willst!“ Wenzel war ohne bemerkt zu werden zum Feuer gekommen und sorgte mit seinem bestimmten Auftreten für Ruhe. Alle blickten ihn an und Jan fühlte, wie sie alle ihre Hoffnungen auf seinem Vater setzten. „Wir bleiben heute noch hier und warten mal ab, was der Wettergott noch für uns auf Lager hat, denn es lohnt sich nicht, heute noch weiter zu ziehen. Sechs Leute sollen sich auf die Suche machen, um ein paar Tiere zu erlegen, denn wir brauchen neues Fleisch.“ Er wählte neben Karel und sich noch vier weitere Männer aus, die sofort aufstanden, um ihre Jagdwaffen zu holen. „Der Rest wird hier Wache halten und den Platz für die zweite Nacht ordentlich herrichten“, fuhr er fort, „schafft mehr Raum um das Feuer herum! Danach sucht ihr unter dem Schnee nach Futter für die Pferde. Die sollen morgen ausgeruht und kräftig sein. Miroslav, du passt auf, dass hier alles ordentlich gemacht wird und erzähl keine Schauermärchen mehr!“ Alle waren froh der Ungewissheit entkommen zu sein und machten sich trotz des andauernden Schneefalls sofort ans Werk. Gegen Mittag war der Feuerplatz groß genug, dass alle nebeneinander Platz hatten. Das Feuer brannte die ganze Zeit weiter und hatte um sich herum die Erde vom Schnee befreit. Dort sammelten nun Jan und Vladja das Gras ein und brachten es zu den Pferden. Inzwischen hatte es aufgehört zu schneien, was alle neue Hoffnung schöpfen ließ. Als nächstes schafften sie auf Miroslavs Geheiß hin an einer Stelle in der Mitte der Schneebruchlichtung den Schnee beiseite, um dort Futter für die Pferde zu sammeln. Ein paar andere der am Lagerplatz Verbliebenen sammelten dünne Zweige, die sie in kleine Stücke brachen und unter das Heu mischten, damit es länger reichte. Als alle wieder versammelt waren, hatte man eine für die Verhältnisse üppige Beute von zwei Hasen und zwei Rebhühnern zu verzeichnen. Nach dem Nachtmahl legten sich alle bald nieder, um für den nächsten Tag erholt zu sein. Jan fiel todmüde auf seine Matte, wo er trotz Kälte und Nässe sofort einschlief. Als Jan von seinem Vater geweckt wurde, war es noch stockdunkel und eiskalt. Aber es hatte nicht mehr geschneit, was eine wichtige Voraussetzung für ihr Weiterkommen war. Die anderen waren schon wach und hatten die Pferde bepackt. Wenzel wollte Jan schonen und hatte ihn deshalb erst etwas später geweckt. Nach einem Schluck heißen Wassers machten sie sich auf den Weg. Der Vorschlag des jungen Säumers, das Führungspferd immer durchzuwechseln, war nochmals diskutiert worden und von allen, auch von Miroslav akzeptiert worden. Wenzel machte aber zur Bedingung, dass er jeweils das erste Pferd führen wollte, da er den Weg am besten kannte. Die anderen stimmten zu und so setzte man sich in Bewegung. *** Es war Mittag und die Sonne hatte im Lauf des Vormittages die Wolken durchbrochen. Sie kamen nur sehr langsam voran, doch mit dem aufkommenden Licht tat sich Wenzel leichter, die wenigen Hinweise für den richtigen Pfad zu erkennen. Trotzdem brach er immer wieder bis zur Hüfte im Schnee ein und musste sich dann mühsam wieder herauskämpfen. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Um besser atmen zu können, hatte er seinen Mantel am Kragen geöffnet. Wohltuend spürte er den Ostwind am Hals. Er blickte nach vorne und sah in einiger Entfernung eine Bergkuppe. Wenn er keinen Fehler gemacht hatte, dann war das die letzte Sattelhöhe vor der Donau und sie würden es auch bis zur Quelle schaffen. Innerlich jubelte er, aber äußerlich wollte er seine Freude erst dann zeigen, wenn er sich sicher war. Er wusste, wie sehr sich die anderen nach ihm richteten und ihn als Maßstab nahmen. Seit dem Wintereinbruch hatte er keinen Augenblick daran Zweifel lassen dürfen, dass er die Lage im Griff hatte, sonst wären die anderen in ihrer Furcht eingegangen. Er drehte sich um, um die Pferde wieder zu wechseln. Ohne ein Wort zu verlieren nahm er das Pferd Karel hinter sich ab und trieb es an. Nach einer halben Stunde und einem weiteren Wechsel war die Bergkuppe endlich erreicht. Erleichtert stellte Wenzel fest, dass sie auf dem richtigen Weg waren und als er sich umdrehte, nickte ihm Karel sowohl zustimmend wie anerkennend zu. „So jetzt sind es nur noch zehn Steinwürfe bis zur Quelle, dann haben wir es für heute geschafft“, rief er den anderen zu. Dankbare Blicke waren die kurzen Antworten der müden Männer. Doch die zehn Steinwürfe zogen sich endlos hin, und Wenzel dachte des Öfteren daran, vorher schon zu rasten. Aber irgendetwas trieb ihn voran und wenn es nur der Drang war, das Gesicht vor seinem Sohn zu wahren. Er hatte Schuldgefühle, weil er seinen Sohn auf diese Reise mitgenommen hatte, ohne die Gefahren richtig einzuschätzen. War er zu überheblich gewesen? Hatte er die Natur unterschätzt und nicht ernst genommen? Diese Fragen beschäftigten ihn so sehr, dass er beinahe an der Quelle vorbeigestapft wäre. Nur ein Räuspern Karels machte ihn darauf aufmerksam. Sie mussten den Lagerplatz erst vom Schnee befreien, bevor sie eilig die Vorbereitungen für die Nacht trafen und Feuerholz sammelten. Nach einem kurzen Essen legten sich alle erschöpft zur Ruhe. Als sie am nächsten Morgen wieder aufbrachen, wehte ihnen ein eisiger Wind ins Gesicht, aber sie kamen besser vorwärts. Es hatte nicht mehr geschneit und der nächtliche Frost hatte den schweren Neuschnee zu Pulverschnee gemacht, in den die Pferde nicht so tief einsackten. Wenzel schöpfte daraus neuen Mut, seine Gruppe doch noch wohlbehalten nach Deggendorf zu bringen. An den Rückweg wollte er noch nicht denken. „Gebt den Pferden Gras zu fressen und nehmt euch selbst etwas von dem Fleisch, das wir noch haben. Danach ruht euch aus“, ordnete Wenzel an, als sie mittags eine Rast einlegten. Am Nachmittag war der Himmel immer noch Wolken verhangen, aber Jan hatte das Gefühl, dass es wärmer geworden war. Die Strapazen der letzten Tage zehrten an seinen Kräften und er spürte jeden einzelnen Knochen seines Körpers. Seine Hose war durch und durch nass. An seinen Händen hatte er inzwischen feste Schwielen von dem andauernden Ziehen der Pferde, die sich immer störrischer gegen ein Weitergehen wehrten. Jan hatte auch keinen Blick mehr für die Landschaft um sie herum. Der Wald hatte sich verändert und war lichter geworden durch die vielen Laubbäume, die jetzt im Winter alle kahl waren. Es ging nun dauernd bergab. Hie und da rutschte eins der Pferde auf einem schneeverdeckten Ast aus. Die Dämmerung setze schon ein, als sie endlich den angestrebten Rastplatz erreichten. Es war der letzte vor Deggendorf. Jan war glücklich, aber er hatte keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen, denn nachdem er dem Pferd die Last vom Rücken genommen und mit Vladja ein einfaches Dach als Witterungsschutz erbaut hatte, nahm er sich noch etwas zu essen und legte sich danach sofort hin. Er legte sich so nah ans Feuer wie nur möglich und schlief ein. Am nächsten Morgen herrschte eine gelöste Stimmung. Alle wussten, wie nah ihr Ziel war, erledigten mit Eifer ihre Aufgaben und überwanden ihre Schmerzen sowie die Erschöpfung. Es war noch wärmer geworden, weshalb wie Vladja gesagt hatte, der Schnee schwer und nass geworden war. Aber es störte niemanden besonders. Der alte Miroslav war so guter Stimmung, dass er ein altes Säumerlied anstimmte, in das die anderen einsetzten, als sie sich wieder auf den Weg machten. Gegen Mittag kamen sie an einen steilen Abhang. Wenzel hielt an und ermahnte alle, noch einmal die Riemen fest zu ziehen, damit keine Last verloren ginge. Dann begann er vorsichtig und langsam, mit einem Pferd den Hang seitlich hinab zu steigen. Die anderen folgten in großen Abständen, damit niemand den anderen behinderte. Wenzel nutzte die ganze Länge des Abhangs, um nicht zu steil hinabsteigen zu müssen. Er hatte gerade die zweite Gerade beendet und blickte nach oben, um zu sehen, wie die anderen zurecht kamen, als kurz vor ihm ein Hase aufsprang. Vor Schreck hielt das Pferd abrupt an, warf den Kopf nach hinten und machte einen Satz zurück. Wenzel wollte das Pferd beruhigen. Aber es stieg erschrocken hoch, bäumte sich und schlug aus. Wenzel musste aufpassen, dass er nicht von den Hufen getroffen wurde. Wieder versuchte er, das Pferd zu beruhigen. Doch seine Bemühungen waren vergebens. Er wollte gerade Karel zu Hilfe rufen, als er einen Augenblick unachtsam war. Mit voller Wucht wurde er von einem Vorderhuf an der Schulter getroffen. Wenzel verlor den Halt an dem steilen Abhang und stürzte zu Boden. Er stolperte über einen Stein und rutschte jetzt unkontrolliert bergab. Verzweifelt versuchte er, sich festzuhalten, aber er wurde hin und her geschleudert, stieß hier an einem Stein, dort an eine Wurzel und verfing sich in einem Bodengestrüpp. Er spürte starke Schmerzen in den Beinen, mit denen er bisher die meisten Aufpralle abgeschwächt hatte, aber es ging immer weiter hinab. Er hatte sich gerade wieder von einem Stein weggestoßen, um nicht dagegen zu prallen, als er direkt vor sich einen armdicken Baum auf sich zukommen sah. Aber es war zu spät zu ausweichen und er schlug mit dem Kopf gegen das Holz. Jetzt schleuderte der Körper unkontrolliert zu Tal. Der Rest der Gruppe starrte entsetzt den Hang hinunter und nur Jan stieß einen lauten Schrei aus, ließ sein Pferd los und stürmte Berg hinunter seinem Vater nach. Aber Miroslav erfasste seine Schulter und zog ihn fest an sich. „Du kannst ihm jetzt nicht helfen - noch nicht“, sagte der alte Mann mit zitternder Stimme. Schließlich blieb Wenzel am Fuß des Abhangs reglos liegen. Den Hang hinunter zog sich eine Spur von abgebrochenen Zweigen, aufgeworfener Erde und verlorenen Fellen. Es war totenstill. Als erster fand Karel wieder seine Stimme. „Los! Zwei Mann schauen sofort nach Wenzel! Der Rest bringt langsam und vorsichtig die Pferde hinunter, bindet die oberen fest, damit sie nicht abrutschen.“ Jan wurde immer noch von Miroslav festgehalten. Er zitterte am ganzen Leib und starrte fassungslos auf den reglosen Körper seines Vaters. Als die zwei Männer vorbeiliefen, riss er sich los und rannte ihnen nach. Unterwegs stolperte er und schlug sich das Knie auf, aber er spürte es nicht. Schließlich war er als erster unten angekommen. „Vater! Vater“, rief er immer wieder aus und beugte sich über seinen Vater. Wenzel hatte ein zerschürftes Gesicht und aus einer Wunde an der Stirn floss etwas Blut. Sein Fellmantel war an verschiedenen Stellen aufgerissen und rot gefärbt. Inzwischen hatten die beiden anderen den Verletzten erreicht. Während der eine den Strick von der Hand löste, wusch der andere das Gesicht mit einem nassen Stofffetzen ab. Die Hand war übel zugerichtet. Völlig blutunterlaufen konnte man genau die Abdrücke des Strickes erkennen. Dann beugte sich einer der Männer über Wenzel und ging mit seinem Ohr nah an den Mund heran. Jan stand weinend dabei. „Er atmet noch, aber nur sehr schwach.“, sagte der Säumer, als er sich wieder aufrichtete. Karel war der erste, der ein Pferd unten an einem Baum anband. Er ging zu Jan, legte einen Arm um seine Schulter und sprach mit ruhiger Stimme: „Komm, Junge, beruhige dich! Dein Vater ist ein starker Mann. Der übersteht das, aber du musst uns jetzt helfen, denn nur heulen macht deinen Vater nicht gesund! Sei so gut und mach ein Feuer!“ Jan wischte sich die Tränen aus den Augen und nickte kurz. Schnell hatte er genug Holz gesammelt und ein Feuer entzündet. Nun legten sie seinen Vater in die Nähe des Feuers und versuchten, ihm Wasser einzuflößen. Langsam kam er wieder zu sich. Immer wieder wuschen sie ihm seine Wunden, die über den ganzen Körper verteilt waren. Jan wich nicht von seiner Seite. Er hatte die Aufgabe übernommen, ihm in regelmäßigen Abständen zu trinken zu geben und ihm die Stirn zu kühlen, um das einsetzende Fieber zu dämpfen. *** Es war bereits Nacht, als sie endlich Deggendorf erreichten. Wenzel war benommen und vor Schmerzen stöhnend auf einem Pferd transportiert worden. Als ihn der Nachtwächter sah, ließ er sofort den Arzt benachrichtigen und wies der Säumergruppe den Weg. Sie fanden das Haus dank der Beschreibung des Wächters sehr rasch, wo sie bereits von zwei kräftigen Knechten erwartet wurden, die Wenzel in Arztstube trugen. Karel schickte die anderen los, eine Unterkunft für die Nacht ausfindig zu machen und blieb mit Jan bei Wenzel zurück. „Es sieht nicht zu schlecht aus“, erklärte der Arzt nach der Untersuchung, „aber euer Freund hat sehr viel Blut verloren und sich zwei Rippen gebrochen. Er braucht einige Tage Ruhe. Aber so kräftig wie er ist, steht er das schon durch. Seid froh, dass er sich außer den Rippen keine weiteren Knochen gebrochen hat!“ Nach einer kurzen Pause, in der er sich die Hände gründlich an einem Tuch säuberte, fuhr er fort: „Aber die Hand ist dagegen sehr verletzt! Es wird lange dauern, bis er sie wieder voll benutzen kann, wenn es überhaupt wieder ganz verheilt!“ Karel seufzte und Jan schluchzte laut. „Wie heißt ihr“, fragte der Arzt dann. „Man nennt mich starý Karel, der Verletzte heißt Wenzel und das ist Jan.“ „Freut mich euere Bekanntschaft zu machen. Ich bin Amshel. Ist das sein Sohn?“ Karel nickte. „Habt ihr schon eine Bleibe für heute Nacht?“, fuhr der Arzt fort. „Ich habe die anderen in eine Gastwirtschaft geschickt, wo wir dann auch hingehen werden“, antwortete Karel. „Ich mache dir einen Vorschlag: Bleib doch mit dem Sohn heute Nacht in meinem Haus und sei mein Gast. Morgen ist ein neuer Tag und ihr habt mehr Zeit eine Unterkunft zu finden!“ „Wir nehmen deine Gastfreundschaft dankend an“, erwiderte Karel höflich, und sie folgten dem Arzt in die Wohnstube. Jan blickte immer wieder erstaunt umher. Es war ein geräumiges und großzügiges Haus. Sie setzten sich an den Tisch in der Stube und ein kleines Mädchen, das etwa so alt war wie Jan, brachte das Essen herein und einen Krug mit Met. Jan trank aus vollen Zügen. Seit mehr als einer Woche hatte er nichts anderes als Wasser zu trinken gehabt. „Wo kommt ihr her?“, fragte der Arzt. „Klatovy“, antwortete Karel mit vollem Mund. Er benutzte mit Absicht den slawischen Namen, da er testen wollte, ob der Arzt den slawischen Säumern wohl gesonnen war, was hier seit den Einfällen der Ungarn nicht selbstverständlich war. „Wie wollt ihr in diesem Jahr noch zurückkommen? Es hat doch mächtig viel geschneit und der Weg ist nicht einfach!“ „Pah! Wir warten, bis Wenzel wieder gesund ist und dann ziehen wir wieder heim. Wir kennen den Wald gut genug, um auch jetzt noch nach Hause zu finden“, brüstete sich Karel. Nach einer weiteren Stunde Unterhaltung gingen alle zu Bett. Für Karel und Jan war eine Knechtskammer hergerichtet und mit frischem Stroh ausgelegt worden. Jan legte sich hin und deckte sich mit der Wolldecke zu. Er war überglücklich, endlich wieder ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Aber der Zustand seines Vaters bedrückte ihn. Die schrecklichen Bilder des Sturzes ließen ihn nicht los, und er wälzte sich lange hin und her, bis ihn schließlich doch die Müdigkeit übermannte.
Deggendorf Als Jan am nächsten Tag erwachte, herrschte draußen schon reges Treiben. Er setzte sich auf und fuhr sich durch das zerzauste Haar, um es vom Stroh zu befreien. Dann trat er hinaus in den Hof und versuchte, sich zu orientieren. Langsam wurde er wach. Zielstrebig ging er in die Stube, um etwas gegen seinen knurrenden Magen zu unternehmen. Aber weder dort, noch in der Küche war jemand zu finden. Deshalb ging Jan hinüber zum Behandlungszimmer, wo er den Arzt fand, der ihn freundlich begrüßte. „Guten Morgen, Junge! Hast du ausgeschlafen?“ Jan nickte. „Heute Morgen war schon eure ganze Gruppe hier, aber ich dachte mir, es wäre besser, wenn du mal wieder richtig ausschlafen kannst! Karel und die anderen haben deinen Vater mitgenommen. Ich soll dir ausrichten, dass sie in der ‚Goldenen Linde‘ zu finden sind. Das liegt einfach die Straße hinab die zweite Gasse links rein. Möchtest du...“ Aber der Arzt konnte nicht mehr zu Ende sprechen, denn Jan war schon hinaus gerannt auf die Straße und wäre dabei fast in ein Fuhrwerk hinein gelaufen. Der Fuhrmann schimpfte fürchterlich, aber Jan achtete nicht darauf. Er rannte so schnell er konnte die Straße entlang und bog in die zweite Gasse ein. Von weitem konnte er schon die goldene Linde erkennen, die außen an dem Haus angebracht war. Er riss das Tor auf und rannte direkt in Vladjas Arme. „Hoppla, mein kleiner Freund! Wohin so schnell? Ich wollte dich gerade abholen und...“ „Wo ist mein Vater“, fragte Jan ungeduldig. „Der ist oben in einem Zimmer, wo wir alle wohnen. Ich bringe dich hin.“ Sie gingen in das stattliche Haus und Vladja führte Jan in den ersten Stock in einen langen und finsteren Raum, der außer Betten und ein paar Stühlen keine weiteren Möbel enthielt. Jan musste sich erst an die Dunkelheit im Raum gewöhnen, dann erkannte er seinen Vater, der nahe am Fenster in einem Bett lag. Jan trat vorsichtig näher ans Bett heran. Die Dunkelheit des Raumes und die mufflige Luft bildeten eine unsichtbare Mauer zwischen ihm und seinem Vater. „Vater!“ „Guten Tag, mein Sohn, mein mutiger, großer Sohn! Karel hat mir erzählt wie tapfer du gestern warst.“ „Wie geht es dir?“ „Ich lebe und dafür danke ich Gott im Himmel. Es hätte viel schlimmer kommen können! In ein paar Tagen können wir wieder aufbrechen. Mach dir keine Sorgen und jetzt geh nach draußen und lass dir von Vladja den Hafen zeigen.“ „Vater, ich möchte aber bei dir bleiben. Wer passt auf dich auf?“ „Keine Angst, für mich wird hier gut gesorgt. Jetzt geh nur!“ Nur widerwillig schloss sich Jan den andreren Säumern an. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten sie den Hafen. In unmittelbarer Nähe der Anlegestelle stand ein Haus, dessen Erdgeschoß aus Stein gebaut war und darüber einen hohen Dachstuhl aus Holz hatte, der noch einmal gut zwei Stockwerke umfasste. Davor standen einige Fuhrwerke, auf die Waren verladen wurden. Gerade hatte ein Schiff angelegt und ein paar Männer trugen über eine schmale Planke Leinensäcke und Kisten von Bord. Das Schiff war kurz und dickbäuchig und hatte einen kurzen Mast, an dem bei günstigem Wetter ein Segel gehisst werden konnte. Jan war fasziniert von der Szenerie. „Für was ist die Leine über den Fluss gespannt?“, fragte er wissbegierig. „Daran ist die Fähre befestigt, die über den Fluss führt. Damit sie nicht von der Strömung mitgerissen wird, hangelt sich der Fährmann an der Leine entlang. Schau mal, dort drüben kommt ein Schiff an!“ Vladja zeigte mit dem Finger flussabwärts, wo gerade ein Schiff in der Biegung auftauchte. „Siehst du die Pferde am Ufer?“ Jan nickte und Vladja fuhr mit seinen Erklärungen fort. „Die ziehen das Schiff an einer Leine hinter sich her, da es sonst niemals gegen die Strömung ankommen würde! Die Leute hier nennen das treideln.“ „Aber zwei Pferde können doch nie solch ein Schiff ziehen! Du willst mich auf den Arm nehmen“, antwortete Jan trotzig. „Stell Dir vor, zwei Saumtiere sollten dieses Schiff ziehen! Die kommen damit nicht einen Steinwurf weit!“ „Da hast du recht! Unsere Pferde schaffen das nicht. Aber das sind andere Rassen! Ich verspreche dir, dass du noch nie so große und so starke Tiere gesehen hast!“ „Ich glaube dir nicht! Aber wir können ja auf die Pferde warten!“ Herausfordernd setzte sich Jan auf ein Fass, neben dem sie gerade gestanden hatten. „Du kleiner Dickschädel! Aber ich nehme dein Angebot gerne an.“ Es folgte ein kurzes Schweigen und Jan blies seinen Atem aus, der in der kalten Luft dampfte, bevor er zögernd fragte: „Vladja, kommen wir vor Weihnachten wieder nach Hause?“ „Weißt du, das kommt ganz darauf an, wie schnell wir hier unsere Geschäfte abwickeln und dein Vater wieder gesund wird. Denn ohne ihn werden wir nicht gehen!“ „Ach so“, Jan nickte verständig, „und was wird aus dem Pferd, dass wir im Wald gefangen haben?“ „Das werden Karel und ich heute Nachmittag wohl verkaufen müssen, um die Arztkosten für deinen Vater zu bezahlen!“ „Ist der Arzt teuer?“ „Er sagt uns heute Nachmittag den Preis für die Behandlung und die weitere Betreuung in den nächsten Tagen!“ Jan blickte wieder zum Fluss und sah das Schiff nur knapp zwei Steinwürfe entfernt. Sofort sprang er auf und rannte über den matschigen Platz zum Ufer hin. Ungläubig blieb er stehen, als er die beiden Pferde aus der Nähe sah, die das Schiff zogen. Inzwischen war Vladja ihm gefolgt und blickte Jan siegessicher an. „Na, zuviel versprochen? Dagegen sind unsere Waldpferde Fohlen!“ Jan war immer noch völlig sprachlos. Die beiden Pferde waren so stämmig wie ein Stier und der Treidler, der neben ihnen lief und sie immer wieder antrieb, reichte ihnen gerade mal bis knapp über die Schultern. Der Mann bemerkte die beiden Bewunderer, von denen er den kleinen Jungen auf eines der beiden Arbeitstiere aufsitzen ließ, nachdem ihn der Mann – den er für dessen Vater hielt – darum gebeten hatte. Wie der Wind die letzten Blätter von den Uferbäumen wehte, so bliesen auch die Pferde und das geschäftige Treiben Jans trübe Gedanken hinweg. Auf Vladjas Vorschlag hin stimmte er nur zu gern einer kleinen Stadtführung zu. Deggendorf eine Stadt zu nennen, war vielleicht etwas übertrieben, es war vielmehr ein kleiner, aber aufstrebender Marktflecken. Auf dem Weg zum Marktplatz begann Vladja zu erzählen, was er über Deggendorf wusste. „Die Stadt ist noch gar nicht so alt.“ – für die Säumer, die die Einsamkeit des Waldes liebten, war Deggendorf eine Stadt – „Eigentlich war das alles Kaiserland, das heißt, es gehörte zu den kaiserlichen Ländereien. Aber in der Zeit, als die Magyaren hier wüteten, hat Herzogin Judith diesen Teil dem Kloster Niedermünster zu Regensburg geschenkt. Vor 15 Jahren gründete dann das Nonnenstift hier eine Siedlung, die Geld von den durchziehenden Händlern einbringen sollte.“ „Wieso schenkt man Grund und Boden an ein Kloster?“, fragte Jan ungläubig. „Nun, dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens hat der Kaiser so viel Land, dass er gar nicht alles selbst verwalten kann. Zweitens schenken die Menschen den Klöstern etwas, um ihr Seelenheil zu retten. Drittens war Judith die Äbtissin des Klosters und wollte mit einer persönlichen Beigabe ihren Einfluss stärken.“ Vladja blickte heimlichtuerisch nach allen Seiten und fügte dann flüsternd hinzu: „Es kann sein, dass sie nur deshalb Äbtissin geworden ist!“ Als Jan ihn verständnislos ansah, raunte er, damit es niemand anderes hören konnte: „Die Klöster denken oft sehr menschlich!“ Inzwischen hatten sie den Marktplatz erreicht, der von einem zweistöckigen Gebäude aus heimischen Granit beherrscht wurde. Vladja deutete auf das Haus. „Das ist die Propstei. Als Deggendorf gegründet wurde, war es das erste Haus, welches man errichtet hat. Die Propstei wird von einem Mann, dem Propst, geleitet, den das Kloster bestimmt. Zu seinen Aufgaben gehört das Eintreiben von Abgaben bei den Kaufleuten, Fuhrmännern und Bauern, aber er darf auch Gericht halten bei Nachbarkeitsstreitigkeiten oder Diebstahl. Die Welt ist so groß“, sinnierte er „doch trotzdem rotten sich die Menschen zu kleinen Haufen eng zusammen, nur um sich dann in die Haare zu kriegen“. „Warum hat man die Stadt genau hier gebaut?“, fragte Jan, um wieder zu interessanten Themen zu kommen, denn er konnte Vladjas Weisheiten nur wenig abgewinnen. „Das ist eine sehr gute Frage! Zuerst einmal ist der Platz hier der Knotenpunkt zwischen der Donau und der Handelsstraße von den Alpen entlang der Isar bis nach Böhmen! Wir sind ein Grund, warum es die Stadt gibt!“, stolz reckte Vladja seine Brust raus, während Jan ihm belustigt anschaute, „Das Kloster Niedermünster wollte auch von dem Salzhandel profitieren und nicht alles den Herren zu Straubing und Passau überlassen. Deswegen hat es sich hier mitten hineingepflanzt. Der alte Karel ist noch nach Straubing gezogen, was ein weiterer und beschwerlicherer Weg ist. Einen weiteren Grund kannst du erkennen, wenn du mal zu den Bergen der Šumava blickst.“ Jan drehte sich um und betrachtete die schneebedeckten, bewaldeten Berge, die wie aus dem Nichts aufragten. Etwa einen halben Kilometer flussabwärts durchschnitt ein schmaler Bergrücken der Šumava die Ebene bis hin zum Ufer des Flusses. Ebenso streckte sich ein Hügelzug etwas flussaufwärts zur Donau hin. Die beiden Ausläufer liefen trichterförmig vom Fluss weg, verengten sich zu einem schmalen Tal, bis sie von den Bergen vollends verschluckt wurden. „Von Passau bis nach Regensburg gibt es keinen zweiten Platz wie diesen“, setzte Jan hörte nur noch mit einem Ohr zu, denn auf der anderen Seite des Marktplatzes hatte er Karel entdeckt, der gerade das Findelpferd aus einem Stall führte. Er rannte auf ihn zu, während Vladja gemäßigten Schrittes folgte. „Hallo, kleiner Mann“, begrüßte Karel den Jungen, „wo treibst du dich denn herum?“ „Wir waren am Fluss und haben Pferde gesehen, die so groß waren wie – wie Drachen“, antwortete Jan überschwänglich. Karel lachte angesichts des Vergleichs. „Aber hoffentlich haben sie kein Feuer gespuckt.“ „Haha“, beleidigt verschränkte Jan die Hände vor der Brust. Karel suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, seinen Fehler wieder gut zu machen, doch Vladja stand ihm hilfreich zur Seite. „Karel, du erfahrenster aller Säumer zwischen Klatovy und hier, hättest den Unterschied zwischen den Pferden und einem Drachen auch nur erkannt, wenn sie dir das Hirn verbrannt hätten“, erklärte er und verneigte sich theatralisch wie ein Gaukler. Jan fühlte sich bestätigt, doch Karel warf einen bösen Blick zu Vladja, der sich schelmisch lachend dem Pferd zuwandte. „Was habt ihr beiden Drachentöter mit dem Tier hier vor“, fragte Vladja die beiden anderen, während er es am Kopf kraulte. „Wir werden es verkaufen, aber ohne dich Märchenerzähler, sonst bindest du dem Käufer noch auf, es sei ein Schaf“, gab Karel mit einem Lächeln zurück. Bevor Vladja noch einen draufsetzen konnte, bemerkte Jan ernst und trocken: „Du spinnst doch, dafür ist es viel zu groß!“ Verdutzt schauten die beiden Männer sich an und blickten dann auf den Jungen, der sich jetzt nicht mehr halten konnte und alle drei fingen gleichzeitig an zu lachen. „Kommt, jetzt gehen wir zum Schmied und handeln einen guten Preis aus“, schlug Karel schließlich vor. „Weißt du schon, wie viel der Arzt verlangt?“ fragte jetzt Jan, dem nach diesen heiteren Minuten wieder sein Vater eingefallen war. „Nein“, antwortete Karel, „aber billig wird es nicht, denn er ist fast jede Stunde bei deinem Vater!“ „Und er ist Jude“, fügte Vladja gedankenlos hinzu. „Ist das schlimm“, drehte sich Jan zu Vladja um, während sie den Marktplatz verließen und in eine der engen Gassen einbogen, die sternförmig vom Marktplatz aus den Markt durchzogen. „Nein“, sagte Karel bestimmt, bevor Vladja mehr Unheil anrichten konnte. *** Sie waren fast bei der Schmiede angekommen, als vor ihnen eine Tür aufgestoßen wurde und ein gut gekleideter Mann mit zwei Bewaffneten auf die Straße trat. Ihnen folgte schluchzend eine Frau, an deren Rockzipfel zwei Bälger hingen. Um den seltsamen Zug bildete sich sofort eine Menschentraube, in die sich auch Vladja und Jan neugierig zwängten, während Karel abseits mit dem Pferd wartete. „So habt doch ein Einsehen“, rief die Frau den Männern nach. „Mein Mann ist als Säumer ins Böhmische gezogen! Er kommt bald zurück und wird dann alles bezahlen!“ Da drehte sich der feine Mann ruckartig um und ging scharfen Schrittes auf die Frau zu. Seine blauen Augen waren leicht unterlaufen und lagen tief in den Höhlen, was ihm etwas Dämonisches verlieh. Seine strohblonden Haare lugten strähnig unter eine Mütze aus schwarzem Filz hervor. Auf seiner rechten Wange reichte eine schlecht verheilte Narbe vom Kiefer bis zum Ohransatz. Sie war jetzt noch grässlicher, da sein Gesicht rot vor Zorn war, so dass die Menschen in der nächsten Umgebung angstvoll einen Schritt zurückgingen. Jan musterte den Mann genau und ihn schauderte. Seine knapp zwei Meter große Statur hatte etwas schlaksiges, obwohl seine großen Hände und die breiten Schultern, die unter einem schwarzen Mantel verdeckt waren, sicherlich schon so manchen harten Schlag ausgeteilt hatten! Der Rest des Körpers steckte in schwarzem Leder, das kunstvoll mit Silber verziert war und hochgeschlossen selbst den Hals bedeckte. Unter dem Mantel war ein Schwert zu erkennen, das bis zum Boden ragte. Der Mann trat der Frau, die er um mehr als zwei Köpfe überragte, näher, als es sich geziemte. Die Menge hielt wie in Erwartung eines aufregenden Schauspiels den Atem an. „Hör zu, Weib“, zischte der schwarz Gekleidete, „falls dein Mann wirklich so tollkühn ist und den Nordwald zweimal erfolgreich durchwandern sollte, so zweifle ich daran, dass dieser Nichtsnutz ein gutes Geschäft machen wird! Außerdem kommt bei diesem Wetter keiner lebend durch den Nordwald! Wenn du also bis morgen nicht die Pacht für das Zimmer bezahlen kannst, schmeiße ich dich vor die Mauern! Dort kannst du dann dein eigenes Kapital veredeln, wobei ich gern dein erster Kunde wäre!“ Bei diesen Worten griff er so grob mit seiner Pranke nach ihrem Arm, dass die Frau vor Schmerz zusammenzuckte. Vladja schoß wütend aus der Menge, aber die beiden Wächter waren schon zur Stelle. Das blanke Eisen ihrer Waffen ließ Vladja zur Räson kommen. Verstohlen verschwand er im Nichts der Menge und gesellte sich wieder zu den anderen beiden. Der vernarbte Mann ließ jetzt von der Frau ab, gab seinen Schergen ein Zeichen und schritt durch die Menge, die ihm ehrfurchtsvoll Platz machte. Die Frau brach schluchzend zusammen. Betreten setzten nun auch die drei Säumer den Weg fort. „Könnte es sein...“ setzte Jan an, „dass das Pferd…“ „Schweig“, fuhr Karel ihn wütend an. „Wir haben genug eigene Sorgen, als dass wir Almosen verteilen könnten. Also denke erst gar nicht darüber nach!“ Erschrocken blickte Jan den alten Mann an, aber er schwieg gehorsam und trotzig. Er blieb auch stumm, als ihnen der Schmied das Pferd zum stolzen Preis von dreißig Silberlingen abkaufte. Aber nachdem sie die Schmiede verlassen hatten und kurz vor dem Wirtshaus waren, siegte seine Neugierde über seinen Entschluss, zu schweigen und er rannte zurück zur Schmiede. „Wer ist der große, schwarze Mann, der vorhin hier in der Gasse war“, fragte er den Schmied atemlos. Der legte das heiße Eisen, das er gerade bearbeitet hatte zurück in die Glut, machte die Tür der Schmiede zu und forderte Jan auf, sich zu setzen. „Du meinst den Wikinger. Er nennt sich Francis d‘Arlemanche“, wobei er die Lippen spitzte, um dem Namen einen französischen Klang zu geben, „dabei weiß jeder hier, dass er ein Bastard des alten Grafen von Künzing ist, der einst zwei Jahre lang am Hof des westfränkischen Königs war. Hat sich damals an den Normannenfrauen vergriffen!“ „Und wieso ist er hier“, unterbrach Jan ungeduldig die Ausführungen des Schmiedes, die ihn herzlich wenig interessierten. „Nun, vor einem Jahr tauchte der Wikinger in Künzing auf. Der Erbe des Grafen wollte den Bastard möglichst schnell und galant wieder loswerden. Deshalb pries er ihn dem Propst von Deggendorf als erfahrenen, klugen und braven Landknecht an, der eine Stelle als Stadtwachtmeister sucht. Der gutgläubige Propst ist den beiden auf den Leim gegangen und hat seitdem diesen Wolf an der Leine. Der treibt ihm genug Geld ein, was die Leine immer länger werden lässt. Wir kleinen Leute haben jetzt darunter zu leiden, dass dieser Bastard über viele Eigenschaften verfügt, nur nicht über die, die sein adeliger Halbbruder angepriesen hat: erfahren, klug und brav!“ „Vielen Dank für die Auskunft“, bedankte sich Jan höflich, denn statt seinem Wissensdurst plagte ihn auf einmal ein echter Heißhunger. Er hatte seit gestern Abend nichts mehr gegessen. Außerdem hatte er einen Entschluss gefasst, von dem er nicht gewillt war abzurücken. Komme was wolle! *** In dem Zimmer im ersten Stock der ‚Goldenen Linde‘ lag Wenzel in seinem Bett, das gerade noch von dem schwachen Lichtkegel des kleinen Fensters erhellt wurde. Wie gern würde er jetzt seinem Sohn den Markt zeigen! Stattdessen war er hier an das Bett gefesselt - noch mindestens eine Woche, hatte der Arzt gesagt. Da ging die Tür auf und der gesamte Säumerzug - sein Säumerzug - trat ein. Alle bis auf Jan, aber das fiel bei dem diffusen Licht und den starken Körpern der anderen nicht auf. Karel trat auf Wenzel zu. „Wenzel, du Glücksritter“, begann er, ohne seine Freude verstecken zu können, „du kannst mir und Vladja danken!“ „Was ist?“, fragte Wenzel verstört. „Wir haben das Pferd verkauft, das wir der Šumava abgeluchst haben.“ „Der Schmied war von dem Tier so begeistert“, setzte Vladja fort, „dass er seinen kaufmännischen Verstand, so er überhaupt einen hat, gänzlich verlor und uns dreißig Silberlinge zahlte.“ Dabei warf er Wenzel einen Beutel zu, dessen Inhalt fröhlich klimperte, als er auf der Bettdecke landete. „Also, genieß den Arzt und in einer Woche geht es heimwärts“, übernahm wieder Karel das Wort. „Wir kümmern uns um den Rest.“ Damit verließen die Säumer wieder den Raum. Sicher wartete bereits ein großer Humpen Bier auf jeden in der Gaststube. Wenzel war wieder allein. Zufrieden ließ er den Geldbeutel wie über Kaskaden von einer Hand in die andere fließen. Unbemerkt öffnete sich die Tür einen Spalt, Jan schlüpfte hindurch und erst als die Tür mit einem Knacken ins Schloss fiel, blickte Wenzel überrascht auf. „Jan, mein Sohn“, rief er erfreut aus, als er den Jungen in der Dunkelheit erkannt hatte. „Guten Tag, Vater“, kam die knappe Antwort. Wenzel war noch immer zu sehr von dem Geld gefangen, als dass er die trübe Laune seines Sohnes sofort bemerkt hätte. „Sieh her! Karel und Vladja haben das Pferd zu einem guten Preis verkauft. Jetzt können wir alle Rechnungen sowie den Arzt bezahlen. Selbst dann bleibt noch genug, um noch etwas mehr Salz zu kaufen oder ein schönes Geschenk für deine Mutter!“ Er sah seinen Sohn an. „Ja sag mal! Freust du dich nicht?“ „Doch schon.“ Jan zögerte. „Darf ich dir eine Geschichte erzählen?“, fragte er schließlich. „Gerne. Ich langweile mich schon den ganzen Vormittag, so alleine hier im Zimmer.“ Wenzel ließ seinen Sohn sich an der Bettkante hinsetzen und schaute ihn erwartungsvoll an. „Zwei Familien wohnen in einer Gasse nebeneinander“, begann Jan zu erzählen, „eines Tages geht die eine Frau einkaufen. Unter anderem kauft sie einen kleinen Beutel Salz. Auf dem weg nach Hause verliert sie gerade diesen wertvollen Beutel. Zufällig findet ihn ihre Nachbarin. Sie weiß natürlich nicht, wem er gehört und nimmt ihn mit nach Hause. Ein paar Tage später will die erste Frau ein gutes Essen kochen, aber sie kann ihr Salz nicht mehr finden. Also geht sie zu ihrer Nachbarin, der sie ihr Missgeschick erzählt: ‚Ich habe vor kurzem einen Beutel Salz gekauft, aber ich finde es nicht mehr, könntest du mir etwas leihen?‘ Was denkst du, hat die Nachbarin getan?“ Wenzel überlegte nicht lange, obwohl er nicht nachvollziehen konnte, warum Jan diese Geschichte erzählt hatte. „Nun, wenn sie eine redliche und anständige Frau war, dann hätte sie ihr von ihrem Fund erzählt und ihr den Beutel ganz überlassen.“ „Das denke ich auch.“ Jan war froh, dass er seinen Vater richtig eingeschätzt hatte. „Ja und“, sah Wenzel seinen Sohn ungeduldig an. „Weißt du“, begann Jan vorsichtig, „da war so eine Frau, die auf ihren Mann wartet...“ „Wo“, unterbrach ihn Wenzel, der noch immer nicht die Worte seines Sohnes nachvollziehen konnte. „Heute, als wir das Pferd zum Schmied gebracht haben.“ Jan holte tief Luft, um seine Gedanken zu sammeln. „Also,…“, fing Jan noch einmal an und erzählte dann seine Erlebnisse des Vormittags. „…ich bin mir sicher“, setzte er am Ende seines Berichtes fort, „dass das Pferd diesem Mann gehört hat…“ „…der jetzt höchstwahrscheinlich tot in der Šumava liegt“, ergänzte Wenzel. Er hatte inzwischen verstanden, was sein Sohn im Schilde führte. Jan schaute seinem Vater fest in die Augen. „Es war wohl ziemlich dumm von ihm, zu dieser Jahreszeit alleine nach Böhmen zu ziehen. Aber das ist kein Grund, dass seine Familie zu Bettlern wird. Außerdem hast du selbst einmal gesagt: wenn man Unheil verhindern kann, dann soll man es machen.“ „Das mag wohl stimmen“, pflichtete ihm Wenzel bei. „Hast du denn auch daran gedacht, was wir dann machen? Ich kann den Arzt nicht von den Waren bezahlen, denn sonst überleben wir den Winter in Böhmen nicht!“ „Ja ich weiß. Vater, was ist eine Sicherheit?“ „Wie kommst du denn auf so etwas?“ „Ich habe mir überlegt, dass wir uns das Geld leihen könnten. Deshalb habe ich mich in der Stadt erkundigt und einen Kaufmann ausfindig gemacht, der Geld verleiht. Es ist ein Jude. Er war grundsätzlich einverstanden dir Geld zu leihen, aber er hat gesagt, er brauche eine Sicherheit.“ Wenzel war überrascht, auf was für Ideen sein Sohn kam, um so zu handeln, wie er es ihm immer beigebracht hatte. Doch in der jetzigen Situation war sich Wenzel seiner eigenen Prinzipien nicht sicher. Sollte er wirklich der Frau das Geld geben und damit die alten Probleme von neuem haben? Zunächst aber musste er sich seinem Sohn widmen und nahm deshalb das Gespräch wieder auf. „So. Du wolltest wissen, was eine Sicherheit ist. Wenn man Geld leiht, dann hinterlegt man bei dem Kaufmann einen wertvollen Gegenstand, damit er die Gewissheit hat, dass man es auch zurückzahlt. Wenn nicht, verkauft er den hinterlegten Besitz. Das nennt man Sicherheit.“ „Wie wertvoll muss der Gegenstand sein“, fragte Jan vorsichtig. „Teuer genug, um den geliehenen Geldbetrag zu decken.“ „Hast du so etwas?“ „Nein. Deshalb wird es auch schwer werden, Geld zu leihen.“ „Man könnte es doch trotzdem versuchen.“ „Ich werde darüber nachdenken. Jetzt geh erst mal hinunter zu den anderen und iss etwas. Du schaust ziemlich ausgehungert aus!“ Wenzel strich ihm noch einmal über die Wange, bevor sich Jan aufraffte, um in die Gaststube zu gehen. Durch den dunklen Korridor ging er zur Treppe, wo ihm schon ein übler Geruch aus Alkohol, Schweiß und gebratenem Fett aus der Gaststube entgegen stieg. Wenzel hatte gewartet, bis Jan die Türe ganz geschlossen hatte, um dann wieder mit einem tiefen Seufzer in seine Gedanken zu versinken. Er stand vor einer schweren Entscheidung. Sicher, es war das Klügste, mit dem Geld die eigenen Schulden zu begleichen, um der Familie keine Sorgen zu bereiten. Aber könnte er jemals in seinem Leben die Frau mit ihren Kindern vergessen, von der ihm Jan erzählt hatte? Sollte er, der seine eigene Freiheit und Selbständigkeit über alles andere schätzte, aus purer Selbstsucht eine andere Familie in Abhängigkeit und Armut stürzen? Vor allem aber bedrückte ihn der Gedanke an seinen Sohn. Jan würde es ihm nie verzeihen, wenn er das Geld nicht der Frau geben würde. Was sollte ein Junge von seinem Vater halten, der seine Prinzipien über Bord wirft, sobald es um die eigene Person geht? Er musste einen anderen Weg finden, den Arzt zu bezahlen. Der jüdische Kaufmann war eine Möglichkeit, wenn er doch nur eine Sicherheit fand. Er war mit seinen Gedanken noch nicht zu Ende, als die Tür aufging und ein sichtlich erboster Karel mit Jan eintrat. „Der Bengel hat mir schon gebeichtet“, brauste Karel los, „welche Flausen er dir in den Kopf gesetzt hat!“ Wenzel achtete nicht auf die Wut seines alten Begleiters. „Karel“, fragte er ruhig, „du hast die Frau gesehen. Besteht die Möglichkeit, dass das Pferd ihrem Mann gehört hat?“ „Nein“, entgegnete Karel forsch. „Warum nicht?“ Karel stutzte. Er war wütend auf Wenzel, der ihn wieder einmal mit seinen Fragen festgenagelt hatte. Er wusste, dass er den Streit verloren hatte, aber so leicht wollte er sich nicht geschlagen geben. „Du ruinierst dir deine Zukunft und stürzt deine Familie ins Verderben wegen einer dummen Wohltätigkeit!“ „Verfluch mich ruhig, wenn es dir dann besser geht!“ Wenzel war in seinem Bett aufgefahren, rot vor Zorn, dass Jan froh war seinen Vater noch nie wirklich erbost zu haben. „Aber das hilft uns nicht weiter. Du weißt genauso gut wie ich, dass es der richtige Weg ist. Verleugne dich nicht selbst, Karel!“ Dann beruhigte sich Wenzel rasch, denn die Aufregung kostete ihn zuviel Kraft. „Hilf mir lieber, einen Ausweg zu finden.“ Dabei sank er erschöpft zurück in sein Strohlager. Karel war sich nicht sicher, ob es Wenzel ernst meinte oder ob er gerade Zeuge eines perfekten Schauspiels geworden war. Aber im Grunde hatte Wenzel ja recht und sie waren schon zu lange zusammen, um sich von einem dummen Streit entzweien zulassen. „Gut. Lass uns nachdenken“, brach Karel das Schweigen. Wenzel nickte ihm dankbar zu. „Wir brauchen eine Sicherheit.“ „Eine Sicherheit? Etwa deine Waren, oder dein Pferd? Am Ende versteigerst du deinen Sohn“, sagte Karel zynisch und biss sich sofort auf die Zunge. Wie alt musste er werden, um endlich darauf zu achten, was er sagte. „Entschuldigung“, stammelte er wie ein kleiner Junge. Ein Aufschrei beendete die peinliche Situation. Jan, der die ganze Zeit ungewohnt leise gewesen war, hüpfte freudig durch den Raum. „Das ist es! Das ist es“, rief er immer wieder. Genervt hielt ihn Karel fest. „Was ist es?“ „Ich bin die Sicherheit!“ „Wie bitte? Weißt du, was du da sagst?“, entgegnete Wenzel, dem diese Idee mehr wie ein Hirngespinst erschien. „Aber sicher! Ich bleibe hier als Sicherheit und verdiene mir Bett und Essen beim Kaufmann. Das erspart mir die beschwerliche winterliche Reise durch die Šumava und welche bessere Sicherheit als seinen eigenen Sohn kann ein Mann bieten?“ Wenzel war nicht wohl bei dem Gedanken, seinen Sohn alleine in der Fremde zu lassen. Auch Karel schwieg. Er erkannte die Tragweite seines unüberlegten Ausspruchs. Jan war begeistert, und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, wollte er das auch machen. Das war Karel in den letzten Tagen immer klarer geworden. Dieser Junge hatte einen Schädel so dick wie eine Stadtmauer. Wenzel war unschlüssig. Es war etwas Sinnvolles an der ganzen Idee, aber wie sollte er seiner Frau erklären, dass er Jan verliehen hatte? Wie würde der Kaufmann den Jungen behandeln? Sein Blick wanderte hin und her zwischen Karel, der ihn sorgenvoll anschaute, und Jan, der keine Zweifel an seinem Plan hatte, dann zum Fenster, durch das die Sonne ihre letzten Strahlen schickte; doch Wenzel erschien es wie das Ende allen Handelns. Innerlich zerbrochen, doch nach außen hin fest, wandte er sich an Karel. „Mach den Händler ausfindig und frage ihn, ob er uns Geld leiht – mit meinem Sohn als Sicherheit.“ Er holte tief Luft und es schien, als sei er in den letzten Minuten um Jahre gealtert. Karel schüttelte kurz den Kopf und verließ den Raum. Jan setzte sich zu seinem Vater, der sich aufrichtete, um ihn zu umarmen. Wenzel spürte, wie ihm die Tränen kamen, aber er unterdrückte sie. Was war er doch für ein Vater! Jan war es wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis Karel zurückkehrte. Der hatte sich zu Jakob, dem Kaufmann durchgefragt und mit diesem einen Termin Ende der Woche ausgemacht. Bis dahin, so hoffte er, würde Wenzel seine Meinung noch ändern. Aber Wenzel war fest entschlossen. Ganz früh am nächsten Morgen schickte er Vladja mit dem Geld zu der Frau, damit er ihr von dem wahrscheinlichen Tod ihres Mannes erzählte und sie ihre Schulden begleichen konnte. Vladja wusste später nicht, ob die Frau Tränen der Freude oder der Trauer geweint hatte, aber sie hatte sich viele Male bedankt und erkundigte sich nach seinem Aufenthaltsort. In der Gasse hatte er dann gewartet, um zu erleben, wie der Wikinger samt seiner Stadtwache unverrichteter Dinge wieder abzog und zum Gespött der Leute wurde. Wütend schwor er demjenigen, der der Frau das Geld geliehen hatte, seine ewige Rache. Die Frau zeigte sich wirklich dankbar, denn nun brachte sie täglich ein gutes Essen für die Säumer, womit auch Karel recht schnell besänftigt wurde. Wenzel erholte sich dank der Heilkunst des Arztes rasch und konnte nach vier Tagen wieder das Bett verlassen. Nur seine Hand würde er wohl nie wieder richtig schließen können, denn der Führstrick hatte sich beim Sturz zu fest zusammen gezogen. Karel und er kümmerten sich um ihre Handelsgeschäfte. Da es schon spät im Jahr war, konnten sie gute Preise erzielen, denn zum einen brauchten die Donauhändler noch Vorräte für den Winter, andererseits wollten sie noch unbedingt ihr Salz los werden, damit es über den Winter nicht feucht und damit unverkäuflich werden würde. Beide waren sie zufrieden, aber freuen konnten sie sich darüber trotzdem nicht. Die Schulden beim Arzt und beim Wirt würden noch einen ordentlichen Batzen verschlingen. *** „...deshalb bitte ich Euch, ehrenwerte Äbtissin Reinhild, Euch dafür einzusetzen, dass wir von der Pflicht befreit werden, für die Furt durch die Donau Wegezoll an den Landvogt Formbach zu Künzing zahlen zu müssen. Bedenkt, dass es nur zu Eurem Besten ist, denn dieser Wegezoll schmälert Euren Gewinn an diesem schönen Ort. In tiefster Ergebenheit...“ Ein kalter Luftzug durch das offene Fenster holte den Schreiber aus seiner Konzentration. Fröstelnd legte er die lange Feder auf das Stehpult und verriegelte das Fenster. Dann ging er zu dem kleinen Kamin, der nur einen Teil des Raumes erwärmte, um das Feuer zu schüren. Gedankenversunken schichtete er das Holz auf. Wie sehnte er sich doch nach der Wärme Italiens, wo er bis vor zwei Jahren in dem Kloster Santo Flavio bei Padua ein einfacher Mönch gewesen war. Er hätte sein ganzes Leben in dieser von Gott so reich gesegneten Gegend bleiben können. Aber die Wege des Herrn sind unergründlich und so kam es, das eines Tages die Äbtissin Reinhild des Klosters Niedermünster zu Regensburg, Gott segne sie, zu Besuch in das Kloster kam. Sie hatte gerade eine Pilgerfahrt zum Heiligen Stuhl nach Rom unternommen, wodurch sie großes Ansehen sowohl bei weltlichen, als auch bei kirchlichen Würdenträgern gewonnen hatte. Dies war wohl auch der Grund, weshalb Abt Ignatius, Gott segne auch ihn, bereitwillig der Pilgerin einen Schreiber seiner glänzenden Schule versprach. Kurzum, er, Giovanni Ventino, Sohn eines Freibauern aus der Po-Ebene, erhielt die gottgegebene Aufgabe, der Äbtissin nach Regensburg zu folgen. Kaum hatte er Regensburg nach einem beschwerlichen Fußmarsch über die Alpen erreicht – die ehrenwerte Pilgerin wurde in einer Sänfte getragen – übertrug ihm die Äbtissin die Stelle als Propst in dem Marktflecken Deggendorf. Was hatte er getan, dass Gott ihn mit solch einer Aufgabe strafte? Gewiss, er hatte jetzt mehr Verantwortung als in Santo Flavio; aber wen interessierte die Verantwortung über einen Ort, der nur durch einen undurchdringlichen Wald von den Barbaren getrennt war! Das Feuer fraß sich an den trockenen Scheiten entlang. Giovanni, der sich hier Johannes nannte, rieb seine kalten Hände darüber, die schon ganz blau waren. Nach einigen Minuten erhob er sich, um sich wieder dem Brief an die Äbtissin zu widmen. Er hatte die Feder gerade wieder angesetzt, als die Tür mit solch einer Wucht aufgestoßen wurde, dass der Luftstoß die Pergamentrolle vom Stehpult blies. „Strafe dich Gott, Francis! Warst du an dem Tag, als man dir gute Manieren beigebracht hat, mit Blindheit und Taubheit zugleich geschlagen“, erregte sich Johannes, als er den aufdringlichen Gast sah. Francis d‘Arlemanche betrat in arroganter Haltung den Raum, die rechte Hand fest am Knauf seines Schwertes. „Schaff dir doch einen Diener an, der die Tür öffnet, wenn ich komme, dann muss ich es nicht selbst tun“, gab der Wikinger barsch zurück. „Du hast heute wohl deinen heiteren Tag! Was gibt es? Ich habe dich angestellt, um für Ordnung im Markt zu sorgen und nicht für Unordnung in meiner Schreibstube!“ „Das ist der Grund, warum ich zu dir komme. Ich habe gute Leute ausgebildet, mit denen ich für Ruhe und Ordnung sorgen kann, aber mir scheint es, als würden deine Untertanen...“ „Sie sind nicht meine Untertanen, sondern mir von Gott zum Schutz Befohlene“, fiel ihm Johannes verärgert ins Wort. „Was auch immer sie sind! Jedenfalls scheint dieser Pöbel mich nicht ernst zu nehmen!“ „Wie kommst du darauf?“ „Sie verbünden sich, um mich bloßzustellen. Letzte Woche wollte ich bei einer Frau die fehlende Miete von drei Monaten einfordern. Natürlich konnte sie nicht zahlen. Da habe ich ihr einen Tag Zeit gegeben, um zu packen. Aber was macht dieses Weib? Es borgt sich das Geld und als ich am nächsten Tag komme, zahlt sie mir die ausstehende Schuld.“ „Ich sehe daran nichts Verwerfliches“, entgegnete Johannes gleichgültig. Ihn langweilten die ewigen Beschwerden seines Söldners. „Du verstehst das nicht. Zum einen lachen die Leute jetzt schon seit einer Woche über die Wache, die von einem Weib düpiert wurde und“ – Francis suchte nach einem schlagenden Argument, um diesen weltfremden italienischen Mönch dazu zu bewegen, ihm mehr Vollmachten zu übertragen, – „und du musst auch an dich denken!“ Johannes schaute ihn fragend an. „Verstehst du nicht“, redete sich Francis in Rage, „diese Frau schuldete dir, besser gesagt dem Kloster, die Miete für drei Monate. Sie kann sie nicht zahlen, leiht sie aber von jemand anderen, vielleicht auch von verschiedenen Personen. Bei einem Geldverleiher oder Juden war sie nicht, denn das habe ich überprüfen lassen. Sie kann das Geld also nur von einem anderen deiner ‚Schutzbefohlenen‘ haben!“ „Was willst du sagen? Ich verstehe deinen Punkt nicht“, bremste Johannes den Wortschwall des Wikingers. „Beim Allmächtigen! Siehst du nicht, dass du die Kontrolle verlierst? Die Schulden bleiben im Markt Deggendorf bestehen, aber du weißt nicht wo oder bei wem. Wenn es so weiter geht, werden die Menschen mehr Schulden untereinander haben, als beim Kloster und du wirst dich gegen die Macht des Geldes nicht mehr durchsetzen können!“ Johannes runzelte die Stirn. Die Gründe seines Gegenübers waren alles andere als stichhaltig, aber er wollte sehen, worauf dieser Haudegen hinauswollte. Francis fasste den Gesichtsausdruck des Propstes als einsichtig auf und fuhr fort. „Du solltest klar zeigen, wer der Herr dieses Marktfleckens ist und dass mit ihm nicht zu spaßen ist.“ Nach einer kurzen Pause fügte er an: „Solltest du das nicht machen, dann werde ich meinen Dienst quittieren!“ Diese Drohung kam so überraschend für Johannes, dass er seine ruhige Haltung für kurze Zeit verlor, sich aber schnell wieder fasste. Trotzdem hatte der Wikinger bemerkt, dass dieses Argument seinen Arbeitgeber aus der Gleichgültigkeit ihm gegenüber geweckt hatte. Johannes mochte den Wikinger wegen seiner groben und respektlosen Art nicht besonders, aber dieser hielt ihm eine Menge Arbeit vom Hals. Arbeit, mit der er nichts zu tun haben wollte. Dazu gehörte das Eintreiben von Schulden oder die Vollstreckung von Strafen. Wollte er weiterhin ein ruhiges Leben hinter den Mauern der Propstei führen, braucht er den Wikinger. Aber er wollte sich auch nicht erpressen lassen. „Dir scheint ja viel an den Einkünften für das Kloster zu liegen, wenn Du dafür Deine eigenen aufgeben würdest“, lobte ihn Johannes, aber er wollte die wahren Gründe erfahren. „Ich habe hier eine Aufgabe übernommen, die ich gewissenhaft ausführe. Wenn ich aber sehe, dass meine Ratschläge missachtet werden, dann muss ich mir eine andere Arbeit suchen“, konterte Francis. „Nun denn, was schlägst du vor?“ „Bisher musste ich dich wegen jedem Vergehen, war es auch noch so klein gewesen, behelligen. Ich schlage vor, dass du mir die Vollmacht gibst, bei kleinen Straftaten wie Diebstahl, Wucher oder Hehlerei frei handeln zu dürfen!“ Johannes stutzte. Wegen dieser Kleinigkeit wurde so ein großer Aufstand gemacht? Über diesen Vorschlag war er sogar froh, denn damit würde er noch weniger mit diesen weltlichen Angelegenheiten während seiner Studien gestört werden. Aber er musste vorsichtig sein. „Das ist viel, was Du verlangst. Wenn ich dir diese Vollmacht erteile, wirst du dich im Gegenzug dazu verpflichten, deinen Dienst hier in Deggendorf für weitere fünf Jahre zu verrichten!“ „Ich stehe zu deinen Diensten, Propst Johannes!“ Der Wikinger streckte Johannes seine Hand entgegen, der sofort einschlug. Mit einem schmeichelnden Kompliment verabschiedete sich Francis und verließ den Raum, der ihn wegen der vielen Bücher jedes Mal fast erdrückte. Francis triumphierte innerlich. Endlich hatte er freie Hand, um seinen Willen durchzusetzen. Als erstes würde er den Unglücklichen finden, der der Frau das Geld geliehen hatte, um an ihm ein Exempel zu statuieren. Sollte es noch einmal einer wagen, seine Pläne zu durchkreuzen! Buch bestellen in unserem Shop Inhaltsverzeichnis Vorwort 5 I. Teil 992/993 Šumava 6 Deggendorf 28 Das Handelshaus 43 Natternberg 61 Klatovy 87 Prag 103 II. Teil 1002/1003 Comeatus 119 Herbstfeuer 130 Nordwald 157 Niederaltaich 170 Auf Reisen 190 Bamberg 212 Hassberge 235 Burg Creußen 253 Am Ende der Zeiten 269 III. Teil 1006 - 1012 Hersfeld 299 Prachatice 320 Krankheit 333 Familienbande 347 Caput orbis 371 Die Höhle des Löwen 391 Einsamkeit 407 Ostern 418 In die Wildnis 433 Zum Ranzinger Berg 449 Neuland 471 Die Suche 486 Wiedersehen 500 Entdeckungen 518 Epilog 534 Der Autor 536 |
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